06 November 2009

buch: Henning Kober / Unter ...

cover koberHenning Kober / Unter diesem Einfluss
284 Seiten / 10/2009
S.Fischer / 18,95 Euro

Jeder Augenblick ist ein Bild. Verdammt viele Bilder in einem verdammt guten Buch.

Das Feuilleton behauptet stets, dass Henning Kobers Debüt im popliterarischen Erbe von Christian Krachts "Faserland" steht. Ehrlicherweise bin ich mir da nicht so sicher. Ja, "Unter diesem Einfluss" hat einen ähnlichen Sound. Kober und Kracht, das ist eine Aliteration. Beide sind eine Art Weltenbummler. Trotzdem fällt es mir schwer, dass streitbare Etikett Popliteratur zu wählen.

Widmen wir uns der Story. Berlin versinkt im Schnee. Der Notstadt soll ausgerufen werden und Janus feiert mit seinen Freunden. Er feiert. Die Bässe wummern. Einer fehlt jedoch und das ist Janus' Bruder Bobby. Was von Bobby bleibt sind wütende Blogeinträge im Internet. Die finale Hysterie. In der Hoffnung seinen Bruder wiederzufinden macht sich Janus auf den Weg. Über Berlin geht es unter anderem nach London, Paris, Las Vegas (ein besonders großartiger Abschnitt meiem Empfinden nach), Los Angeles und New York. Doch auch Afghanistan und Irak sind Schauplätze in diesem rasanten Roman.

Über ein Jahr begleiten wir einen Menschen auf einer ziellosen Suche. Scheinbar angekommen rückt das Ziel wieder in weite Ferne - eben nicht nur Bobby oder Jackie, nicht nur Bas oder Alfie. Was ist Nähe? Die Antwort auf diese Frage wird nicht diktiert. Es gibt keinen wirklichen Erzähler. Mit Sicherheit ist ein großer Wurf Kobers die Tatsache, dass ich diese Geschichte völlig anders gelesen habe, als manch anderer Mensch sie lesen wird.

Dazu gilt es die durchaus subversive Kritik zu feiern. Zwischen dem ominösen Magazin für das neue Deutschland (wo ist Ulf Poschardt?) und der künstlichen Oase Tropical Island steckt in diesem Buch mehr als nur Unterhaltung. Danke Henning Kober!

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02 November 2009

buch: Gerard Donovan / Winter in ...

cover donovanGerard Donovan / Winter in Maine
aus dem Englischen von Thomas Gunkel
208 Seiten / 10/2009
Luchterhand / 17,95 Euro

Der Zauber dieses Buches liegt in dessen Atmosphäre und dem Duell des Leser mit der Moral

Julius Winsome lebt als Einsiedler in einer Hütte im US-Bundesstaat Maine. Der nächste Ort ist Fort Kent - der nördlichste Zipfel der USA, mal abgesehen von Alaska. Der einzige treue Begleiter und Freund in Winsomes Leben ist der zahme Pittbullterrier Hobbes. Schon dessen Name lässt auf einen durchaus literarisch-versierten Besitzer schließen. Dem ist so, denn die Wände säumen Bücherregale. 3282 Bände Weltliteratur, oft wertvolle Erstausgaben sind ein wichtiger Teil in Julius' Leben.

Als er eines Tages seinen Hund erschossen auffindet bricht seine Welt zusammen. Einen neuerlichen Verlust kann er nicht verkraften - seine Mutter starb schon bei der Geburt und vor zwanzig Jahren starb sein Vater. So fasst er einen schrecklichen Entschluss.

Der Autor Gerard Donovan gab in einem Interview an das Buch innerhalb von acht Wochen geschrieben zu haben. Schier unglaublich scheint dies, ließe doch der Stil und die Atmosphäre die er aufbaut auf monatelange Arbeit schließen. Dieses Buch ist mein Favorit unter den Herbstneuerscheinungen und gehört gerade zum drohenden Winteranfang auf eigentlich jeden Nachttisch.

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20 Oktober 2009

buch: Finn-Ole Heinrich / Gestern ...

cover heinrichFinn-Ole Heinrich / Gestern war auch schon ein Tag
Erzählungen
156 Seiten / 10/2009
mairisch Verlag / 16,90 Euro

Finn-Ole Heinrich ist ein junger Autor der Geschichten erzählt wie alte Meister

Ich bin ein großer Freund von Erzählungen. Die Zeit in der wir leben ist voller Hast und Eile, jedoch werden die Bücher durchschnittlich dicker und wuchtiger. Brandaktuell versorgen uns Dan Brown und Frank Schätzing mit neuen Wälzern. Es sollte vorweggenommen werden, dass Finn-Ole Heinrich nicht nur in literarischer Kürze, sondern in erster Linie der Eleganz beiden überlegen ist.

Sein aktuelles Buch "Gestern war auch schon ein Tag" ist am 01.Oktober in die Regale gutsortierter Buchhandlungen gewandert. Erzählt wird in acht Geschichten von Dramen die das Leben schreibt - nein, von Dramen die Menschen verursachen. Beziehungen die zerbrechen oder nicht mehr zusammenwachsen wollen, Abschiednahme und viel Wut im Bauch. Keine Geschichte ähnelt der anderen. Ob es Susan ist, der ein Bein fehlt oder Elli und Tom, denen letztlich die ganze Familie abhanden kommt - die Plastizität die Finn-Ole Heinrich literarisch im Stande zu schaffen ist, hat mir den Atem geraubt.

Ich bin mir sicher, dass dieser Schriftsteller in ein paar Jahren zu den großen Namen der deutschen Literatur zählt. Ganz bestimmt!

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10 Oktober 2009

buch: Andreas Herzau / New York ...

cover new york cityAndreas Herzau / New York City
Davor, Danach, Dabei
138 Seiten / 09/2003
Edition Braus / 45,- Euro

Tausendfach abfotografiert, doch Andreas Herzau lässt uns NYC neu entdecken.

Er ist ein bekannter Reportage-Fotograf, gilt zu Recht als Meister der Street Photography. Der in Hamburg lebende Fotograf Andreas Herzau legte 2003 einen bis dato einzigartigen Bildband über New York City vor - eine Stadt die niemals schläft. So muss es auch Herzau gegangen sein. Das Fotoprojekt begann 2000 während eines Aufenthalts in der Stadt. Er sagt, er habe nicht schlafen können. Die Motive sind Schnappschüsse - wirken und sind nicht gesucht. Beim Schlendern durch die Metropole an der Ostküste entstanden so Schwarzweiß- und Farbaufnahmen, die mich beim Betrachten sofort in den Bann gezogen haben.

Es sind teils Fragmente, die Herzau in den Mittelpunkt stellt. Verschwommen, expressiv und den Fokus ganz abseits vom den tausenfach gesehenen Spektakel. Seine am am Detail orientierte Fotografie erschließt sich dem Betrachter nicht auf den ersten Blick. Man muss mitgehen, statt zu erwarten, dass vorgekaut wird. Deshalb und weil Andreas Herzaus bisheriges Gesamtwerk bewundernswert ist, gehört dieser Bildband in die Hände all derer, die sich für Fotografie fasznieren können und wollen.

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03 Oktober 2009

buch: C. Schünemann / Die Studentin

cover studentinChristian Schünemann / Die Studentin
Der dritte Fall für den Frisör
272 Seiten / 08/2009
Diogenes / 9,90 Euro

Tomas Prinz ermittelt wieder - wir dürfen uns zurücklehnen und genießen.

Christian Schünemanns zweiter Frisör-Krimi stand im Zeichen der Malerei. Nun dreht sich bei Tomas Prinz alles um englische Literaturwissenschaften. An der Ludwig-Maximilians-Universität geschieht ein Mord und wieder gibt es eine direkte Verbindung zu Prinz' Salon in der Hans-Sachs-Straße.

Rosemarie, das neue Au-Pair-Mädchen im Dienste von Tomas' Schwester Regula, gerät über Umwege unter die Fittche der frischgebackenen Professorin Mara Markowski. Schnell lernt sie, dass das friedliche Campusleben von Intrigen und einem unerbitterlichen Konkurrenzkampf gezeichnet ist. Als sie selbst unter Verdacht gerät, mit dem Mord an der Universität zu tun zu haben, schaltet sich der Coiffeur in die Ermittlungen ein. Gewohnt entspannt und charmant taucht der Detektiv wider Willen in die Welt des Verbrechens ein. Als unbekannte Größe findet er schnell Einblick hinter die Fassade der scheinbar aalglatten und langweiligen Akademiker. Statt Abschlussarbeiten und Notenabgabe stehen Eifersucht und Neid an der Tagesordnung.

Tomas Prinz verliert sich jedoch nie in klassischer Detektivarbeit. Er ist und bleibt ein Starfrisör, der einen Ruf zu verlieren hätte. So fällt sein fachmännischer Blick auf die Frisur seines Gegenübers und es offenbart sich so manches Geheimnis der Kunst rund ums Haar. Ebenso verzahnt mit dem Hauptstrang der Geschichte, wie Kriminalistik und Friseurgewerbe, sind die kleinen Prinz'schen Familienprobleme. Neben Aljoscha, Tomas russischem Lebensgefährten, begegnet einem auch die Mutter von Regula und Tomas wieder. Ihre neuen Pläne für das gemeinsame Unternehmen, lassen einen schon auf den vierten Band hoffen.

Trotzdem ist der dritte Roman von Christian Schünemann keine gewöhnliche Fortsetzung - er ist irgendwie ein Stand-Alone. Durchaus apart von den beiden Vorgängern lesenswert und verschenkbar, auch wenn im Nachhinen jeder alle Frisör-Romane kennen will. Nicht zuletzt des Stils wegen - elegant, abgerundet und frech. Ein wirkliches Vergnüngen diese Bücher zu lesen.

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29 August 2009

buch: Tina Uebel / Die Wahrheit ...

cover uebelTina Uebel / Die Wahrheit über Frankie
310 Seiten / 1.Auflage 07/2009
C.H. Beck / 19,90 Euro

Eine unglaubliche Geschichte von Paranoia und Desillusion - basierend auf wahren Begebenheiten

Zehn Jahre im Kampf gegen das Böse im Untergrund. Zehn Jahre in denen letztlich Schizophrenie, Zwangsneurosen und paranoide Zustände, dass Leben der Hamburger Studenten Christoph, Judith und Emma bestimmen werden. Der Ausgangspunkt war dabei ein ganz gewöhnlicher Abend in der Ottenser Bar Blue Lou's, an dem Christoph erstmals mit Frankie in Kontakt kommt. Die beiden freunden sich an. Schnell findet der charismatische Barmann Zugang zu den drei Freunden, offenbart sich als Geheimdienstagent und bittet sie um Unterstützung. Christoph ist schnell hin und weg von der Idee, sein gewöhnliches Leben in den Dienst einer vermeintlich großen Sache zu stellen. Inspiriert von Le Carré, James Bond und dem alltäglichen Grusel über Polonium bis 9/11 fügt er sich seiner Rolle. Er will Frankies Partner sein.

Mit Versprechen und Drohungen, psychischer und physischer Gewalt, sowie Liebe und Zuwendung bricht Frankie seine drei Begleiter auf einer Art pervertierten Roadtrip durch Europa. Die Bedrohung im Kampf gegen einen übermächtigen Feind, scheint außer Kontrolle zu geraten und die Jahre voller Entbehrungen gehen ins Land - nicht ohne (un)sichtbare Spuren zu hinterlassen.

"Es heißt, jeder bricht, mag sein, nur kann ich mir das derzeit kaum vorstellen."

Dieser dreistimmige Roman ist brisant, weil er auf wahren Begebenheiten beruht - seit 2005 sitzt die Romanvorlage Robert Freegard in Haft. Die Kraft charismatischer Verführer und der Wunsch vieler junger Menschen nach einem Leben außerhalb des gesamtgesellschaftlichen Konsens, sind bittere Realität. Sei es im Namen des Terrors oder einer Sekte. Die literarische Bandbreite Tina Uebels zeichnet dieses Buch aus. Abwechselnd scheint man Christoph, Judith und Emma gegenüber zu sitzen. So entsteht eine bis zur letzten Seite packende Reise in die unwegbare Psyche des Menschen.


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12 Juli 2009

buch: Jens Johler / Kritik der mörderischen...

cover johlerJens Johler / Kritik der mörderischen Vernunft
Originalausgabe, 544 Seiten
Ullstein Verlag / 9,95 Euro

Es lässt sich die Frage stellen: Wie viel Fiktion enthält dieser Roman?!

Bis dato gibt es zwei Romane an denen Jens Johler federführend mitgewirkt hat. "Das falsche Rot der Rose" und "Gottes Gehirn". Beide habe ich mit großer Begeisterung gelesen, beide sind leider nur noch gebraucht zu erstehen. Nun ist der Autor bei Ullstein gelandet und hat einen dritten Thriller veröffentlicht, der seinen Vorgängern in Nichts nachsteht.

Dr. Richard Troller, seines Zeichens Wissenschaftsjournalist und Buchautor, erhält kryptische Mails. Der Absender nennt sich "Kant" und droht damit Morde zu begehen. Seine Opfer, so stellt sich schnell heraus, sind führende Hirnforscher. Der erste Tote wird in einem Primatenstuhl fixiert aufgefunden. Am Tatort wird ein Plakat aufgefunden. "§1 - In den Tierversuchen zeigt die Hirnforschung ihr wahres Gesicht. Die Beherrschung des Affenhirns ist nur die Vorstufe zur Beherrschung des Menschengehirns. – Kant" Dies ist ein Zitat aus Trollers veröffentlichtem, jedoch gefloppten Buch "Terror der Wissenschaft". Es scheint, dass der Mörder eine Botschaft für den Wissenschaftsjournalisten hat.

Gemeinsam mit seiner quasi-Lebensgefährtin Jane Anderson, die ebenfalls im Dienste des Magazins "Fazit" steht, macht er sich daran, auf die Spur des mysteriösen Serienmörders zu kommen, der sich scheinbar sowohl im Erbe des großen Philosophen Kants, als auch des Unabombers Ted Kaczynski sieht. Im Laufe ihrer Ermittlungen scheint den beiden Journalisten ein undurchdurchschaubares Netz aus Geheimdiensten, multinationalen Konzernen und Wissenschaftlern einen Strich durch die Rechnung machen zu wollen.

Was sich zu Beginn wie ein klassischer Thriller liest, wird im Laufe der Lektüre zu einer Geschichte die viele non-fiktionale Anleihen offenbart. Neben Verweisen auf das geheime Regierungsprogramm MK Ultra, das Projekt "Deckname Artischocke" oder die Ideen eines Cecil Rhodes, bietet Jens Johler dem Leser die Möglichkeit sich selbst zu fragen, inwieweit man auf der Seite eines Mörders stehen darf. Die spannende Jagd auf einen Mörder wird hier gepaart mit anspruchsvollen Fragen nach dem freien Willen des Menschen und der ethischen Vertretbarkeit von Tier- und Menschenversuchen.
Dieses Buch ist eine mehr als gelungene Rückkehr Johlers und lässt auf mehr hoffen.

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29 Juni 2009

buch: Matias Faldbakken / Unfun

cover faldbakkenMatias Faldbakken / Unfun
Skandinavische Misanthropie III
aus dem Norwegischen von Max Stadler
Blumenbar Verlag / 19,90 Euro

Der negativste Autor der Gegenwartsliteratur vollendet seine Trilogie.

Die "Skandinavische Misanthropie" von Matias Faldbakken findet mit dem Roman Unfun einen Abschluss. Wieder bleibt der Norweger seinen Prinzipien treu und verbindet eine fundamentale Kritik an der postmodernen Gesellschaft mit seiner bekannten Tabulosigkeit und Negativität.

Protagonisten des Romans sind Lucy, ihr Ex-Mann Slaktus und deren ziemlich missratenen Söhne Atal und Wataman. Erstere ist eine anarchistische Norwegerin mit afrikanischen Wurzeln. Sie ist die fast unfreiwillige Heldin des Roman - alleine dieser Umstand ist bei Faldbakken eine Premiere. Eine Frau im Vordergrund seiner Story. Für Slaktus schafft er einen völlig neuen Begriff samt schlüssiger Definition: Gewaltintellektualismus. Slaktus ist übertrainiert, übermäßig solariumgebräunt und hat einen unmöglichen blonden Pony. Seine Gewaltausbrüche hat er nur dank stetiger Besuche bei einem Therapeuten unter Kontrolle. Zu allem Überfluss ist er hochintelligent - er führt Teile des Briefwechsels zwischen Freud und Einstein sinnhaft fort.
Sein erklärtes Ziel ist es das Slasher-Online-Rollenspiel "Deathbox" zu realisieren.

Im Mittelpunkt dabei seine eigene Familie oder, dass was man einst so nannte. "Unfun" ist harter Tobak und Faldbakken brilliert mit einer Geschichte zwischen feministischer Theorie, harscher Gesellschaftskritik, moralischen Abgründen und klassischen Slasher-Elementen.

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29 April 2009

buch: Jonathan Littell / Das Trockene und das Feuchte

cover littellJonathan Littell / Das Trockene und das Feuchte
ein kurzer Einfall in faschistisches Gelände
mit einem Nachwort von Klaus Theweleit
aus dem Französischen von Hainer Kober
Berlin Verlag / 16,90 Euro

Entstanden während der Recherchen zu "Die Wohlgesinnten" - provokant und nicht wegzudenken

Jonathan Littell hat mit der Veröffentlichung der fiktiven Lebensgeschichte des SS-Obersturmbannführers Maximiliam Aue für geteiltes Echo in den Feuilletons gesorgt. Das vorliegende Buch ist 2002 im Rahmen der Recherchen für "Die Wohlgesinnten" entstanden und auch diesmal gilt: Großartig finden oder totale Ablehnung.

Das Trockene und das Feuchte ist ein Sachbuch. Der Versuch einer Analyse der Gedankenwelt des belgischen Faschistenführers Leon Degrelle, unter zur Hilfenahme von Klaus Theweleits Faschismustheorie bzw. seines großartigen Werks "Männerphantasien".
Nach einer genauen Einführung in die Vita von Degrelle beginnt der Exkurs in die Sprache des Faschismus. Hier rührt auch der gut gewählte Titel her - das Trockene, Harte, Steife, Gerade und Starre steht im Gegensatz zum Feuchten, Weichen, Flüssigen und Fließenden. Verkürzt dargestellt geht es auch um Männlichkeit contra Weiblichkeit.

Das reiche Bildmaterial, die erklärenden Fußnoten, der teils sehr gewagte, weil flapsige Stil Littells und das Nachwort von Klaus Theweleit machen das Buch zu einem empfehlenswerten Buch, sowohl für den Leser mit umfangreichen Vorkenntnissen, aber auch für jene die einfach mal verstehen wollen, was den gemeinen Faschisten so ausmacht. Die Betonung möge hier auf gemein liegen, denn neben viel unreflektierter Kritik stimmt es: Littells Fortführung von Theweleits Theorie hinkt, wenn man sie allen Faschisten überstülpen wollte. Männer wie Eichmann oder Mengele fallen durch sein Raster. Doch ob Littell einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben wollte, steht auch im Raum und senkt den Wert dieses Buches in keinster Weise.


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18 April 2009

buch: Viktor Pelewin / Das fünfte Imperium

cover pelewinViktor Pelewin / Das fünfte Imperium
ein Vampirroman
aus dem Russischen von Andreas Tretner
Sammlung Luchterhand / 10,00 Euro

Pelewins Roman ist die pure Fiktion und doch so nah am Zahn der Zeit.

Die vielbesprochene Kaufentscheidung ist bei diesem Buch ganz unabhängig vom Inhalt gefallen. Es wurde sozusagen die Katze im Sack gekauft, aber ich wurde - wie ist es anders zu erwarten - nicht enttäuscht. Das Artwork des Covers hebt sich angenehm vom täglichen Einheitsbreit ab und der Verlag steht sowieso für literarische Qualität. dazu kommt: Viktor Pelewin ist in Russland einer der angesagten, zeitgenössischen Erben Gogols und Bulgakows. Der Übersetzer Andreas Tretner ist mir aus den Büchern des russischen Schriftstellers Vladimir Sorokin in bester Erinnerung und der Klappentext macht schnell klar: Das hier ist kein Vampirroman á la Stephenie Meyer - ganz im Gegenteil.

Tritt ein in die Elite. Ein junger Mann folgt einem Pfeil auf dem Troittor des Moskauer Stadtkerns. Er tritt in einen Hinterhof, passiert eine schwere Stahltür und findet sich einige Zeit später geknebelt und gefesselt an einer Sprossenwand wieder. Ihm gegenüber ein maskierter Mann, dessen Motive unklar sind. Das ist also der Eintritt in die Elite? So sieht es aus...

Sie geben sich selbst Namen alter Götter. So zum Beispiel Brahma, Enlil, Hera und eben Rama II. Letzteren begleiten wir von seinem ersten Initiationsritual bis zum letzten großen Duell durch eine Welt aus Postmoderne und Poststalinismus. Eine Welt in der die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes Teil einer Verwertungsgesellschaft sind. Die Rasse der Vampire als Schattenmacht im Hintergrund. Sie sind das allsehende Auge in der Spitze der Pyramide, sehen sich als Götter die rote Flüssigkeit schlürfen und nach der Schule von Glamour und Diskurs leben. Alles im Dienste der "Großen Maus".

Die Komplexität des Pelewin'schen System in wenigen Zeilen zu schildern ist unmöglich. Viel zu rasant geht es dafür in diesem großartigen Roman zu, viel zu tief taucht man innerhalb kürzester Zeit ein und mag nicht mehr aufhören zu lesen. Es wäre vermessen, diesen Roman als Sittengemälde des postsowjetischen Russlands zu bezeichnen. Der Roman rechnet in teilweise popliterarischer Manier mit dem gesamten Menschengeschlecht ab.



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31 März 2009

buch: Esterhazy

cover esterhazyEsterhazy
Irene Dische, Hans Magnus Enzensberger
Illustrationen von Michael Sowa
Hanser Verlag / 14,90 Euro (ab 5 J.)

Drei große Namen und ein wundervolles Buch über Hasen, Sachertorte und Berlin

Schon die Namen, der an diesem Bilderbuch beteiligten Menschen, bürgen für Qualität: Irene Dische, Hans Magnus Enzensberger und Michael Sowa. Entstanden ist eines der schönsten Bilderbücher, dass auf dem Buchmarkt zu erstehen ist und gerade zum Osterfest, ein schönes Geschenk für junge und alte Leser ist.

Das Fürstengeschlecht der Esterhazys, eine österreichische Hasendynastie, leidet unter den Auswirkungen eines sehr unausgewogenen Speiseplan. Sachertorte, Süßkram und keine Karotten oder Salate führen dazu, dass sie in vielen Jahren nicht gewachsen sind. Nun entscheidet sich der regierende Fürst Esterhazy, seine Enkel in die weite Welt hinaus zu schicken, um auf etwas unorthodoxe Art und Weise diesem Problem entgegenzuwirken. Die Hasen sollen sich Häsinnen suchen - nicht unbedingt edel, aber hauptsache groß.

Den jüngsten Esterhazy, mit vollem Namen "Seine Erlaucht Michael Paul Anton Maria Prinz Esterhazy der 12792. von Salatina, gefürsteter Graf zu Karottenstetten, Graf von Endivienstein, Herr von Petersilienburg, Lauchingen und Rübhofen", verschlägt es in das Berlin zur Zeit der deutschen Wiedervereinigung. An einer großen Mauer sollen viele große Hasen leben - hier will er sein Glück versuchen. Angekommen in Berlin muss er allerlei handfeste Abenteuer durchstehen - so wird er von einem Zoohändler gefangen, später verkauft und obendrein verliebt er sich.

Dieses Bilderbuch ist kein typisches Kinderbuch - vielmehr ist es zeitlos und ein Geschenk, dass man auch viel, viel später gerne wieder zur Hand nimmt. Die schönen Illustrationen von Michael Sowa untermalen, eine wirklich niedliche Geschichte, um einen kleinen Hasen in einer großen Stadt.


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25 März 2009

buch: Iranian Photography Now

cover kaganIranian Photography Now
Hrsg. Rose Issa, 236 Seiten, 189 Abb.
Hatje Cantz / 39,80 Euro

Dieser Bildband lässt die iranischen Fotokünstler zu Wort kommen - "unverschleiert" und innovativ.

Fällt das Schlagwort Iran in den heutigen Tagen, dann geht es meistens um die mutmaßlichen Bestrebungen der Regierung in die Riege der Atommächte aufzusteigen. Es geht um die Leugnung des Holocaust, um die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung oder um Rohstoffreserven. Schon der Roman "Softcore" von Tirdad Zolghadr, hat deutlich gemacht, dass es auch anders gehen muss.

Der Hatje Cantz Verlag hat einen Fotoband auf den Markt gebracht, der 36 Fotografen das Forum bietet, ihre Werke zu präsentieren. Darunter sind auch die bekanntesten zeitgenössischen Fotokünstler wie Reza Aramesh, Shirin Neshat, Parastou Forouhar, Abbas Kiarostami, Kaveh Golestan, Amirali Ghasemi und Shadi Ghadirian. Neben großartigen Aufnahmen, die von einem innovativen Widerstandsgeist zeugen, bietet der Band auch Statements der Künstler zu persönlichem Werdegang und den Arbeiten.

Das Buch ist ein Spiegel der iranischen Seele - ob unterdrückt oder nicht. Poetisch, realistisch, ironisch und aufrüttelnd. Ein Land, in dem das Durchschnittsalter der Bevölkerung bei knapp 25 Jahren liegt und der Wissensdurst kaum stillbar ist, hat in den letzten Jahren trotz innerer Repression und internationaler Sanktionen, großartige Männer und Frauen hervorgebracht, die uns mit ihren Fotos das berichten, was keine Pressemeldung in Worte fassen kann.


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12 März 2009

buch: Robert Kagan / Die Demokratie...

cover kaganRobert Kagan - Die Demokratie und ihre Feinde
aus dem Amerikanischen von Thorsten Schmidt
Siedler Verlag / 16,95 Euro

Robert Kagan bringt die weltpolitische Entwicklungen auf den Punkt - ein absoluter Toptitel!

Dieses großartige Buch hat für kontroverse Diskussionen gesorgt. Robert Kagan beleuchtet auf eingängliche Art und Weise die Herausforderungen für die Demokratien der Welt und den westlichen Wertekanon. Man kann ihn durchaus als einen anti-Fukuyama bezeichenen - er sieht die Idee der siegreichen Demokratie als gescheitert an. Stattdessen beobachtet er ein widererstarken regionalistischer und nationalistischer Politik auf der ganzen Welt. Am Beispiel von Russland erklärt er dem Leser, wie nach dem Kalten Krieg ein Vakuum entstand und heutige Konflikte gefördert hat.
Auch auf Staaten die zur Zeit auf der Überholspur sind, wie zum Beispiel Indien, geht er ausführlich ein. Seine Thesen sind wie gewohnt mit hervorrangenden Quellen untermauert.

Glücklicherweise verfällt Kagan in keine unreflektierten Lobeshymnen auf die USA und den Westen. Versäumnisse kreidet er auch dem eigenen Lager an. Als außenpolitischer Berater des US-Präsidentschaftskandidaten und Senatoren John McCain hat er 2008 wiederholt deutlich gemacht, dass ohne Dialog nichts geht. Dieses Buch kann mit Huntington und Co. ohne Frage mithalten und bleibt dabei für fast jeden Menschen lesbar.


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23 Februar 2009

buch: Tristesse Royale

cover tristesseTristesse Royale - Das popkulturelle Quintett
Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre
List Taschenbuch / 7,95 Euro

Fünf Männer in einer Suite des Berliner Adlon zwischen Wahnwitz und Nüchternheit

Beginnen wir mit einer Formulierung, wie sie das Quintett sicher diskutiert hätte: Tristesse Royale ist name-dropping vom Feinsten. Die Autoren Bessing, Kracht, Nickel, von Schönburg und von Stuckrad-Barre sind keine eingeschworene Clikke, aber doch haben sie eine große Gemeinsamkeit. Sie gehören ein und der selben Generation an.
Sie wollen ein Sittengemälde zeichnen, jedenfalls schaut so der Plan aus. Und so resümmierte die Süddeutsche Zeitung 1999, dass in diesem Buch mehr Debatte steckt, als in einem ganzjährigen Abo der ZEIT. Ob es entstehen wird und wie das Sittenbild schlußendlich aussieht, dass darf der geneige Leser selbst entscheiden.

Tristesse Royale ist vor zehn Jahren in die Auslagen der Buchhandlungen gekommen. Dieses Buch ist kein Roman, es ist eine Diskussion der fünf Autoren unter dem Dach des Berliner Traditionshauses Adlon. Die Atmosphäre ist spürbar, die Kritik am Konsumwahn bissig und die Kommentare bisweilen voller Sarkasmus.

Letztlich stelle ich fest, dass wir hier nicht nur ein Manifest der Kracht'schen Generation vorliegen haben, sondern ebenso eines der Folgegenerationen. Dieses Buch hat mich fraglos geprägt.


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08 Januar 2009

buch: Christian Kracht / 1979

cover krachtChristian Kracht / 1979
192 Seiten / 1.Auflage September 2008
Kiepenheuer & Witsch / 16,95 Euro

Die totale Selbstvernichtung - Eine Reise von Teheran, Tibet bis nach China

Christian Kracht war mein Autor 2008 und es ist mehr als richtig ihm hier mehr Platz einzuräumen. Nach "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" möchte man sich nun mit dem großartigen Roman "1979" befassen. 2001 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen gerne auch mal, ob einer angeblich fehlenden Substanz verissen, hat mich dieses Buch - nun als dtv-Taschenbuch zu haben - ungemein beeindruckt.

Zwei Männer, viel mehr doch ein schwules Paar, in der Hauptstadt eines Landes, dass eine der größten, wenn nicht die größte Revolution des 20.Jahrhunderts erlebt. Der von seiner Beziehung und sich selbst völlig angewiderte und doch so handzahme Ich-Erzähler zieht uns hinein in einen Strudel aus Dekadenz und bürgerlichem Überfluss. Der Norden Teherans ist das Beverly Hills dieser Metropole. Hier finden wir uns nun wieder - inmitten einer orgiastischen Feierei, deren Höhepunkt das völlige "ausser-Kontrolle-geraten" des Freundes unseres Protagonisten ist. Hernach geht es rapide bergab, natürlich nur im übertragenen Sinne, denn eigentlich geht es nun erst bergan. Dem Abstieg in die dunklen Gassen Teherans folgt eine Sinnsuche in Tibet und die Selbstauflösung in einem chinesischen Arbeitslager.

Christian Kracht findet dieses, sein eigenes Buch kitischig. Gelacht hätte er bisweilen über das was er da aufgeschrieben habe. Ja, es ist manchmal kitschig bis zur Erbarmungslosigkeit und gleichzeitig muss es das sein. Ansonsten würde man an der Tatsache, dass Kracht Dinge die wir teilweise nur schemenhaft wahrnehmen, gestochen scharf darstellen kann, zerbrechen. 1979 ist ein Stück deutsche Literaturgeschichte.


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