10 Mai 2011

einwurf #33

osama bin laden by abdul rahman bin ladendas ist unser einwurf #33
heute: du sollst dir kein bild machen.

Werte Leserschaft, es sind dieser Tage nicht die Worte die uns fehlen, sondern die Bilder - um genauer zu sein fehlt ein ganz bestimmtes Bild und zwar die vielbesprochene Aufnahme des toten Osama Bin Laden. So begnügt man sich eben mit einem Foto aus dem Jahre 1997, das den Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida quicklebendig zeigt. Geschossen hat es sein erstgeborener Sohn Abdul Rahman Bin Laden und hernach dem pakistanischen Reporter Hamid Mir überlassen. Weshalb man sich denn begnügen müsse, wird der ein oder andere Zeitgenosse nun fragen. Die Aufnahme einer wohl sehr grausam zugerichteten Leiche wäre ja nun wirklich auch kein angemessener Aufmacher. Das wäre geschmacklos, auf dem Niveau der gemeinen Boulevardpresse und Effekthascherei. Mag sein, ist jedoch auch eine Phantomdebatte, die ungeführt in den Orkus verbannt wird. Wir haben kein Foto. US-Präsident Obama will das so ...

Weshalb? Die Argumentation grenzt ans Lächerliche. US-Regierungssprecher Jay Carney empfindet die Fotos als "schauerlich", sieht in ihnen ebenso Gefährdungspotential, wie sein Präsident Barack Obama - der redet sogar von einem nationalen Sicherheitsrisiko. Gut, es gibt auch Männer, wie den zukünftigen US-Verteidigungsminister Panetta oder Anti-Terror-Berater John Brennan, die sich für eine Veröffentlichung von Fotos und Videos aussprachen.

Zusammengefasst heißt es stets, dass wir, die 'normalen' Zeitgenossen, nicht mit der Grausamkeit jener Leichenbilder klarkommen würden und sie in der 'islamischen Welt' zu Proteststürmen führen würden. Da bleibt mir nur eins zu fragen: Ja hackts denn?

'Bitte recht grausam' seit 2001.

Ich erinnere mich an die Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis in Abu-Ghuraib, an Wikileaks' Veröffentlichung mit dem Titel Collateral Murder oder an die Hinrichtungsvideos in denen Nicholas Berg, Daniel Pearl oder Saddam Hussein vor laufender Kamera starben. Dann wären da noch die Leichen gewöhnlicher Toter, die von den Navy Seals in Abbottabad zurückgelassen und hernach en Detail abfotografiert wurden.

Das sind Bilder aus der Zeit seit dem elften September 2001, die mir spontan in den Sinn kommen, wenn ich an Grausamkeit denke. Das Carlo Giuliani [*] nicht in dieser Aufzählung vertreten ist, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass er bereits am 20. Juli 2001 von italienischen Carabinieri auf offener Straße per Kopfschuss ermordet und hernach überfahren wurde. Wem all die reale Grausamkeit nicht reicht, dem sei angeraten sich SAW (VÖ 2004) und Rambo (2008) reinzuziehen. Das war der spontane Griff in die Schatulle der US-Traumfabrik Hollywood.

Zugespitzt gesprochen ist es schlicht und ergreifend so: Wir haben schon so viele schreckliche Dinge gesehen, da macht ein weitere Veröffentlichtung den Kohl auch nicht mehr fett.

Ursache, Wirkung und die liebe Moral

Nun mag jemand anmerken, dass ja zu keiner dieser angesprochenen Grausamkeiten Bildmaterial von der US-Regierung veröffentlicht wurde. Es sei doch gut, dass wenigstens diese uns sowas erspare. Stimmt, denn in allen oben genannten Fällen kamen die Bilder nicht aus Washington. Die USA zeichneten in dieser oder jener Form nur dafür verantwortlich, dass es soweit überhaupt gekommen ist. Das Engagement Zbigniew Brzezińskis, dem mutmaßlichen Vater des Begriffs 'Tittytainment', und der CIA in Afghanistan ab spätestens 1980 legte einen der Grundsteine für das Erstarken der sogenannten islamistischen Terrororganisationen. Seit 2001 sehen sich die USA als Speerspitze im Kampf gegen den Islamismus und nehmen es dabei mit der Beweisführung (u.a. Irak, 2003) nicht sonderlich genau. Wollen wir jetzt wirklich darüber sprechen, was die USA hier wem ersparen?

Die USA sind keine moralische Instanz und kein gutmeinender Onkel, der uns die visuelle Aufbereitung eines weiteren Militäreinsatzes ersparen will. Wer Moral kennt, der schickt nicht die Eliteeinheit schlechthin nach Pakistan, wo diese dann unter fragwürdigen Umständen, den Staatsfeind Nummer 1 erschießt, obwohl dieser unbewaffnet im Schlafzimmer weilt. Auch versenkt er dessen Leichnam nicht anschließend in einer Hauruck-Aktion im arabischen Meer und begründet das noch falsch mit islamischen Traditionen.

Ein Aufschrei der Muslime

Die Veröffentlichung der Bilder könne zu Proteststürmen in der 'islamischen Welt' führen, argumentiert man von Seite der US-amerikanischen Regierung. Mit Verlaub, aber die islamische Welt stand wohlweislich nicht mehrheitlich hinter dem Tun von Al-Qaida. Jene Minderheit, die sich dem Weltbild von Aiman az-Zawahiri und Konsorten verschrieben hat, braucht kein Leichenbild, um den Tod ihres 'Emirs' für die eigene Sache auszuschlachten. Oder will man so kolportieren, dass sie erst dieses Bild brauchen, weil das Wort allein nicht reicht?

All zu gerne wird man nun daran erinnert, das nach dem elften September ja unzählige Muslime, die Terroranschläge als gerecht und großartig abgefeiert hätten. Es habe ja Hupkonzerte und Autokorsos gegeben. Aus einer Meinungsumfrage des US-Forschungsinstituts Gallup [*] von 2008 ging hervor, dass 93 Prozent der befragten Muslime aus 35 Ländern die Anschläge verurteilten.

Irgendwie ein Eigentor

Mit allem was die US-Regierung seit dem 1.Mai 2011 in Sachen Osama Bin Laden tat, hat sie einerseits Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker gegeben, aber vor allem hat sie für die größtmögliche Verunsicherung bei all jenen Menschen gesorgt, die nach einer Festnahme Bin Ladens verstanden hätten, wenn die Rede von einem potentiellen Racheakt gewesen wäre. Die USA hatten die Möglichkeit mit einer unilateralen Intervention ein Kapitel mulitlateralen Handelns einzuläuten, denn Al-Qaida und Osama Bin Laden sind bzw. waren nicht nur ihr Feind, sondern der Feind aller Menschen, insbesondere der Muslime auf dieser Welt.

Beunruhigend ist letztlich, dass man sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass all diese Gedanken nicht auch durch die Köpfe der Herrschaften in den weltweiten Machtzentren schwirren. Nichts, absolut nichts passiert oder passiert eben nicht ohne Grund. Wir werden es wohl oder übel erleben.

2 Ansagen:

Thomas hat gesagt…

Die Argumentation pro und kontra Bild von Osama ist eigentlich irgendwie obsolet. Im 19 und 20gsten Jahrhundert waren Bilder "Beweise" und Symbole. Seitdem es aber Photoshop gibt...naja, was ist ein Bild heute noch wert? Wir wissen wie manipulierbar alles geworden ist. Langsam sollten Photos den Bedeutungsnimbus verlieren.

Anonym hat gesagt…

Thomas, bitte überdenke deinen Post nochmal. Als Fotograf ist das eine Beleidigung. Wenn Foto/Video nicht als Beweislast mehr ausreicht, was dann? Sollen wir jetzt dem geschriebenem Wort glauben schenken und alles so hinnehmen? Ade Welt.