22 August 2011

buch: Constantin Göttfert / Satus Katze

cover constantin göttfert satus katzeConstantin Göttfert / Satus Katze
Roman
EAN 9783406621642 / 139 Seiten
C.H. Beck (2011) / 17,95 Euro

Die Toten wollen wir nicht.

Constantin Göttferts Debütroman könnte durchaus verfilmt werden - und zwar, so schwebt es mir jedenfalls vor, von Herrn Lars von Trier. Düstere, unheimliche Bilder zeichnen die vielschichtige Geschichte von 'Satus Katze' und den Erlebnissen eines jungen Stipendanten aus. Dieser sitzt in einem Wiener Café, kürzlich erst aus finnischen Großstadt Oulu zurückgekehrt, und muss feststellen, dass er nicht über den erwarteten Abschlussbericht zu seiner Stipendienzeit verfügt. Er müsste schreiben. Nur worüber? Wir werden es erfahren und verstehen, weshalb sich dieses Unterfangen nicht sonderlich leicht gestaltet.

Doch kehren wir nach Wien zurück. Hier sitzt an einem der Nachbartische, des eingangs bereits erwähnten Cafés, die junge Schauspielerin Nora. Sie telefoniert und zieht mit den gesprochenen Worten die Aufmerksamkeit unseres Protagonisten auf sich. Es geht um Finnland, es geht um eine Katze. Man wird ins Gespräch kommen. 'Ich starrte auf die Katze auf dem Plakat des Theaters gegenüber und hatte Angst. Bitte, lass mich erzählen, sagte ich.'

So verschlägt es uns in die sechstgrößte Stadt Finnlands, einen Ort an dem die Bewohner im Winter keinen Sonnenstrahl zu Gesicht bekommen und Alkohol eine ihrer größten Geißeln ist. Hier ist er nun also. In Oulu. Der Stipendant aus Österreich. Bald fischt er eine Plastiktüte aus einer, im verschneiten Innenhof stehenden, Mülltonne. In ihr zwei Katzen, nicht größer als seine Hand. Eine lebt, eine ist bereits tot und letztere will er nicht. Um sie vom Kadaver unterscheiden zu können, braucht die lebende Katze einen Namen. Einen finnischen Namen, denn es ist eine finnische Katze: Louhi.

Machen wir einen erneuten Schnitt. Gemeinsam mit der Literaturprofessorin Dr. Karjalainen wird der Erzähler einen Ausflug auf eine einsame Insel machen. Er wird im Manuskript des jungen Schriftstellers Satu Keinänen lesen und rasch feststellen, wie eng die erst fikitiv anmutendene Geschichte, mit seiner Realität verknüpft ist. Einer Realität die sich immer verworrener, immer mysteriöser gestaltet.

Was jedoch hat Nora, die junge Schauspielerin aus Wien, mit den Geschehnissen im hohen Norden zu tun? Warum ritzt man die Initialen von Toten in die Rinde eines Baumes? Ein seltsames Band verbindet alle Charaktere in 'Satus Katze'. Vielleicht die große, schwarze Katze der finnischen Mythologie, vielleicht jedoch auch der große menschliche Konflikt zwischen Eros und Thanatos. Vieles kann man aus Constantin Göttferts Debüt herauslesen. In jedem Fall ist ihm jedoch ein vielschichtiger Roman gelungen, der bis zum Schluss spannend, magisch und recht unheimlich ist.

und nun die werbung:

26 Juni 2011

szene: Alexander Rodtschenko

alexander rodtschenko revolution der fotografieALEXANDER RODTSCHENKO
REVOLUTION DER FOTOGRAFIE


zeitraum: 28.05.2011 - 14.08.2011
location: fotomuseum winterthur,
grüzenstrasse 44 - 45, ch-8400 winterthur (zürich)

kosten: fr. 8.-
details: fotomuseum.ch

Schon vor geraumer Zeit erhielt ich einen Umschlag mit lauter schönen Informationen über die kommenden Ausstellungen im Fotomuseum Winterthur. Ich öffnete ihn, las rauchenderweise durch was mir mitzuteilen war und beschloss, dass eine Reise in die schöne Schweiz unausweichlich schien. Überhaupt darf dieses Land als zwingende Alternative zum argentinischen Exil betrachtet werden, wenn die Zeit gekommen ist. Nun jedoch ging es um keine Entscheidung von solcher Tragweite und auch nicht um die angekündigte Ausstellung des chinesischen Künstlers Ai Weiwei, sondern um jene des großen russischen Konstruktivisten Alexander Rodtschenko.

Als er 1924 beschloss sich der Fotografie zu widmen, war er bereits als Maler, Bildhauer und Grafiker bekannt. Unter dem Ausruf 'Experimentieren ist unsere Pflicht' legte er den Grundstein für eine neue Rolle des Fotografen in der Fotografie. Weg von der ausschließlichen Abbildung dessen was wir als real ansehen und hin zur visuellen Darstellung dessen was wir Denken. Der Künstler als 'Künstler-Ingenieur', wie es die Herrschaften des Fotomuseums Winterthur in ihrem Pressetext schreiben.

Alexander Rodtschenkos Werk ist alles andere als Konstant. Die Veränderungen prägen sein Wirken und Denken. Es sind nicht nur seine großartigen Motive die mich beeindrucken, sondern auch die gelungene Kombination dieser mit seinen Texten. Zweifelsohne inspiriert diese Ausstellung und man kommt nicht umher sind eingehend mit Rodtschenko auseinanderzusetzen. So stieß ich dann auch auf eine Reihe seiner gestalterischen Arbeiten, wie jene die in Zusammenarbeit mit Wladimir Majakowski entstanden. Zum Beispiel einige Werbetexte und Bilder die sich auf das für den Betrachter Wesentliche beschränken. So mag man es, so gefällt es uns.

Für visuelle Inspirationen sei ein Besuch der Website fotomuseum.ch anempfohlen. Desweiteren naht die große Reisezeit. Ersparen Sie sich unspektakuläre Trips in Länder die an der Schwelle zum Staatsbankrott stehen. Besuchen Sie die Schweiz und erleben Sie eine großartige und vom Moscow House of Photography Museum organisierte Ausstellung.

medientipps:

11 Juni 2011

film: Generation OS13

generation os13GENERATION OS13
THE NEW RESISTANCE CULTURE
- (uk / 2011)
director: Michael Oswald
producer: John-Paul Pryor
camera: Michael Oswald
researcher: Michael Horwarth
music: Various

Ein irgendwie verrücktes Jahr geht bald in die zweite Halbzeit. Dem sogenannten 'arabischen Frühling' wird in unseren Breiten wieder weniger Aufmerksamkeit geschenkt - und mit dem Umstand, dass ein Eingreifen der NATO im lybischen Konflikt doch nicht nur von kurzer Dauer sein wird, haben sich die meisten Menschen auch arrangiert. Über die gegenwärtigen Zustände in Spanien haben die Massenmedien erst mit einiger Verzögerung begonnen zu berichten. Da hat es kräftig geknallt. Und jetzt? Alles wieder vorbei? Obwohl doch keine Handynetze in Madrid abgestellt werden und die unabhängige Berichterstattung nicht eingeschränkt wird, erobert die populäre Protestbewegung in Spanien selten die hiesigen Schlagzeilen. Woran liegt das? Übrigens wurde doch vor ein paar Wochen der Tod des 'Terrorfürsten' Osama Bin Laden verkündet - wie steht es eigentlich um die Menschen, die im Rahmen der Operation festgenommen wurden? Und die ganzen beschlagnahmten Informationen? Hakt da niemand mehr nach? Gibt es da keine journalistische Verantwortung zu erfüllen? Wer setzt die Prioritäten?

Machen wir nach diesen zwingenden Fragen einen Schnitt, jedoch nicht ohne ausdrücklich festzuhalten, dass es um die Unabhängigkeit der Medien in unserer eigentlich freien Informationsgesellschaft eher bescheiden steht. Der geschützte und unabhängiger Austausch von Informationen und ungefilterte Verbreitung sind so wichtig wie eh und je. Deshalb ist Datenjournalismus so wichtig, wobei gleich anzumerken sei, dass Julian Assange keineswegs der Messias und die Plattform Wikileaks lediglich ein ganz besonders gutes Exempel für das Potential von Datenjournalismus ist. Es gibt viele mehr und es werden mehr werden. Das globale Kollektiv Anonymous hingegen hat weitaus mehr Sprengkraft. Erstmals als ein rein virtuelles Phänomen in Erscheinung getreten, wird Anonymous heute auch in der ganz realen Protestbewegung sichtbar und scheint mehr und mehr dem Schatten von Nerds und Netzkultur herauszutreten.

In Michael Oswalds Dokumentation Generation OS13 - The New Resistance Culture wird diese Entwicklung sehr deutlich. Erste Szene: Vor der Kamera eine Person, getarnt mit der typischen V for Vendetta - Maske und aus dem Off erklingt eine computergenerierte Stimme, die ein deutliches Statement abgibt. Der Rahmen ist gesetzt und in den folgenden dreissig Minuten führt uns der Film schonungslos vor Augen wie die Beschneidung unserer individuellen Freiheiten, und die damit einhergehende Repression, eng mit dem Bestreben der Finanzwirtschaft, und vieler Staatslenker, verknüpft ist das gegenwärtige monetäre System zu erhalten. Doch mit welchen Mitteln? Ein Finanzsystem in dem die Worte Gerechtigkeit und Gemeinwohl nur noch Worthülse, eine sinnfreie Aneinanderreihung von Silben, sind. Die Mischung aus O-Tönen, eingebetteten Videos und schnellen Schnitten ist gelungen und will natürlich Stimmung machen.

Hat man doch alles schon gesehen und gehört, weiß man doch und ändert so ein Film auch nichts dran? Das könnte ein Teil der geneigten Leserschaft nun anmerken. Ja, das mag sein und doch ist da mehr. Die mit einfachen Mitteln fein dargestellte Verknüpfung von Kunst, Kultur und Protestkultur ist gelungen. Die Arbeit von Oswald und Pryor hat sich gelohnt. Und eben auch deshalb, weil Sie sehr gute Menschen einen Rahmen bieten und sie ungefiltert zu Wort kommen lassen. Neben Interviews mit den Musikern Anika, Billy Childish, Gaggle und Saul Williams kommt auch der Autor und Journalist Nicholas Shaxson (Schatzinseln: Wie Steueroasen die Demokratie untergraben") zu Wort.

15 Mai 2011

film: Good Day Today

good day todayGOOD DAY TODAY
- (fr / 2011)
director: Arnold de Parscau
camera: Martin Keruzoré, Pierre Bourras
cinematograph: J. Bertin, Antoine Bon
music: David Lynch

Es war zu erwarten, dass sich das Universalgenie David Lynch dieses Jahr bezüglich der erfolgreichen Umsetzung eines Projekts zu Wort melden wird. Am 26. Mai 2011, so berichtete das FACT magazine [*] dieser Tage, wird Lynch sich per Skype auf der IMS:2011 zu seinem endlich vollendeten Musikalbum äußern. Das ist fantastisch. Einen Vorgeschmack auf seine großartige elektronische Musik hat man mit der Single 'Good Day Today' bereits letztes Jahr erfahren und so darf man gespannt sein, was er uns nun Ende Mai offenbaren wird, wenn er live aus seinem Studio in Los Angeles zugeschaltet sein wird. Termin also zwingend vormerken.

Bis dahin soll an dieser Stelle auf das sensationelle Musikvideo hingewiesen werden, das der französische Student Arnold de Parscau im Rahmen einer Video Competition zu Lynchs eben erwähnter Single auf die Beine gestellt hat. Die albtraumhafte Komposition aus Bild und Ton ist vielfältig interpretierbar. Mag es um die Abwesenheit von Unschuld oder die Dekonstruktion der Familie gehen, so bleibt stets festzustellen, dass dieser musikalische Kurzfilm sehr genial ist.

Auf gooddaytoday.info [*] gibt es für interessierte Hörerinnen und Hörer übrigens noch einen Boys Noize Remix zum kostenfreien Download. Es wird allumfassende Zufriedenheit gewünscht.