28 Juni 2010

buch: Fotos für die Pressefreiheit 2010

cover fotos fuer die pressefreiheitFotos für die Pressefreiheit 2010
Hrsg. Reporter ohne Grenzen
EAN 9783937683294 / 104 Seiten
TAZ Verlags (2010) / 12,00 Euro

... und traust Du stets Deinen Augen?

Mit Barbara Petersen ist die Reihe 'Fotos für die Pressefreiheit' groß geworden und mit Barbara Stauss erlebt sie in diesem Jahr einen Relaunch. Sowohl Layout, als auch Konzept wurden überarbeitet, damit die Leser noch viel weniger in der Lage sind, diesen Band aus der Hand zu legen. Im ersten Teil geht es vordergründig um Zahlen und Fakten. Eine Weltkarte zeigt anschaulich das globale Ranking der Pressefreiheit. Die skandinavischen Spitzenreiter und die Schlusslichter Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea. Kurze Einblicke in eine Auswahl dieser Staaten bieten die folgenden Seiten, darauf geht es dann gleich in den zweiten Teil.

Längere Fotostrecken, Reportagen, Berichte und ausführliche Interviews mit dem Fokus auf jene Staaten, in denen 2009 das Recht auf freie Information besonders eingeschränkt war und in denen die Verfolgung, Verhaftung und Bedrohung von Journalistinnen und Journalisten zum täglich Brot gehört.

USA, Italien, El Salvador, Israel, Mexiko, Afghanistan, Russland, Palästinensische Gebiete, Somalia, China, Iran, Nordkorea und Eritrea - diese Reise machen wir im Laufe dieses Bandes. Da ist Alixandria Fazzina (London), die als Fotografin Zeugin des Leidens von Flüchtlingen wird, die unter unwürdigsten Bedingungen versuchen ihrer Heimat Somalia zu entrinnen. Am Beispiel der neunzehnjährigen Salima, die Mann und Kind bei einem Raketenangriff von Regierungstruppen in Mogadischu verlor, erfahren wir, was es bedeuten kann, nicht in unserem protegierten Umfeld leben zu dürfen. Salima ist eine von 120 - nur elf werden es schaffen einen traurigen Traum zu realisieren. Ohne die Arbeit von Fazzina und vielen anderen mutigen Menschen würden wir nie erfahren, was in dieser Welt geschieht.

Auf die drängende Frage, wie es denn sein könne, dass jemand all dies dokumentieren könne antwortet Alxiandria Fazzina: 'Ich habe ihrem Anführer einfach gesagt: "Ihr traut mir nicht, ich traue euch nicht." Und das fanden die irgendwie gut.' Weitere atemberaubende Reportagen, unter anderem von Mathieu von Rohr und Mikhail Galustov, garantieren das diese Reihe weiter den höchsten Ansprüchen gerecht wird. Ich werde noch oft durch dieses Buch blättern und ein Jahr Revue passieren lassen, in dem an viel zu vielen Orten die Freiheit zur Geisel von Macht und Gier geworden ist.

Die Reporter ohne Grenzen [*] setzen sich seit 1985 für weltweit für das Recht auf freie Informationen ein. Mit dem Kauf dieses Bandes finanziert ihr medizinische Hilfe, Anwaltskosten und Öffentlichkeitsarbeit für verfolgte Journalistinnen und Journalisten. Also entweder gleich hier konsumieren oder im Buchladen eures Vertrauens.

und nun die werbung:

21 Juni 2010

szene: Sergey Bratkov - Heldenzeiten

(c) sergey bratkovSergey Bratkov
HELDENZEITEN

zeitraum: 18.06.2010 - 29.08.2010
location: haus der photographie,
deichtorstraße 1-2, 20095 hamburg

details: deichtorhallen.de

Die Passion des Schreibers für die russische Seele und insbesondere ihren Ausdruck in der Kunst soll kein Geheimnis sein. Nicolai Lilin bezeichnete in seinem phänomenalen Roman 'Sibirische Erziehung' [*] die russische Tätowierkunst, als eine stumme Sprache. Bilder sprechen zu ihren Betrachtern. Neben den fotografischen Arbeiten von Boris Mikhailov [*] sollte man einen genauen Blick auf Sergey Bratkovs Werk werfen. In Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur widmet ihm das Haus der Photographie in Hamburg zur Zeit eine Werkschau. Knapp 130 Bilder umfassend, vermittelt die Ausstellung einen guten Eindruck von dem, was wir als postsowjetische Realität bezeichnen können.

Die Motive des 1960 im ukrainischen Kharkov geborenen Fotografen sind ausnahmslos von sozialkritischen Essenzen durchzogen. Seit den ersten Ausstellungen 1987 in seiner Heimatstadt, sowie Cheb und Tel Aviv hat er sich international etabliert. Besonders prägend muss die Zusammenarbeit mit Boris Mikhailov gewesen sein, denn ebenso wie er kennt Bratkov bei seinen Porträts keine Tabus. Sie sind eine schonungslose Dokumentation der russischen Realität seit 1990. Protagonisten des Alltags werden in einer außerordentlich sehenswerten Ausstellung zu (Anti)Helden. Aufnahmen von klebstoffabhängigen Straßenkindern, ehemaligen Seeleuten und Sekräterinnen in eindeutigen Posen stellen unser Empfinden von Ästhetik oft auf die Probe, doch erlauben sie auch einen unverstellten Blick auf das was wirklich ist. Sozialer Realismus, bei dem jedoch das poetische Grundrauschen nicht zu verleugnen ist.

und nun die werbung:

17 Juni 2010

buch: Serge Gainsbourg / Das heroische Leben ...

cover gainsbourgSerge Gainsbourg / Das heroische Leben des Evgenij Sokolov
aus dem Französische von Hartmut Zahn
EAN 9783936738667 / 64 Seiten
Blumenbar (2010) / 12,90 Euro

So banal, so lustvoll und auch so entlarvend.

Ja, aus Scheiße lässt sich durchaus Geld machen. In Serge Gainsbourgs einzigem und für dreißig Jahre in deutscher Sprache nicht erhältlichem Roman, reichen einem Künstler seine körpereigenen Gär- bzw. Faulgase dazu. Evgenij Sokolov leidet an übermäßiger Flatulenz. Kurz gesagt: Er muss ständig und überall furzen. Um nicht unangenehm aufzufallen sucht er sich Wege, um seine Abwinde möglichst unaufällig in die Luft zu blasen. Wusste man übrigens, dass es sich um sogenannten Meteorismus handelt, falls das nicht mehr funktioniert? Über den menschlichen Darmtrakt lernt man auf den knapp siebzig Seiten einiges, doch auch unterhalten wird man - ganz nach der Schule eines echten Gainsbourg.

Evgenij Sokolov leidet also von Kindesbeinen an unter Blähungen. Schreckliche, stinkende und unaufhaltbare Abwinde isolieren ihn zusehends. 'Sämtliche Spiele meidend, die jene Hockstellung erforderten, welche sich dem Ausstoß von Magenwinden so förderlich erweist, nämlich Spiele wie das gezielte Werfen von Münzen, Murmeln oder kleinen Kreiseln, aber auch das Versteckspiel, bei dem mich meine Furze unweigerlich verraten hätten, sonderte ich mich von den anderen ab (...)' Der junge Sokolov bleibt ein Außenseiter bis er den Militärdienst abzuleisten hat. In Uniform erlebt er einen gewissen Auftrieb. Gekrönt zum Furzkönig der Stube folgt jedoch schnell die Degradierung. Bis er vom Studenten zum weltberühmten Maler wird, dauert es ein paar lesenswert schräge Anekdoten lang.

Der Grund für Sokolovs künstlerischen Durchbruch ist ebenso banal, wie verrückt. Seine Flatulenzen sind von so enormen Ausmaß, dass sogar Fensterscheiben zu Bruch gehen. Mehr oder weniger per Zufall skizziert der Künstler nun, während er wieder von einem Furz durchgeschüttelt wird, eine Art Seismogramm seines Leidens. Das isolierte Leben scheint sich seiner Erfüllung zu nähern. Die sogenannten Gasogramme werden weltweit abgefeiert und zu horrenden Summen gehandelt.

Der Zug ist nicht mehr aufzuhalten und die Lokomotive rollt stinkend durchs Land. Der pure Hedonismus bricht los. Evgenij Sokolov hütet sein Geheimrezept zum Erfolg, eckt an und bricht mit absolut jeder gesellschaftlichen Konvention, so, dass er seine körperliche Befriedigung in der Zartheit einer Minderjährigen findet. Die Darmwinde versiegen, der Schmerz wird größer und das Ende naht. Das Buch endet ungefähr dort wo es beginnt - mit einem großen Knall.

Das heroische Leben des Evgenij Sokolov ist kein Künstlerroman - viel mehr karikiert Gainsbourg einen Kunstbetrieb, dessen Art und Weise den Wert eines Werkes zu messen, häufig eher daran erinnert, wie Sokolov seine Flatulenzen misst. Da ist alles möglich zwischen Karnickelfurz und bombastischem Konzert - Messung und Kunstwerk bleiben letztlich dem Zufall überlassen.

und nun die werbung: