10 Oktober 2011

film: We Are Visual / 20357

2035720357

we are visual (ger / 2011)
concept: Brent Dahl, Marc Einsiedel, ...
camera: Sebotage
skater: Michi v. Fintel, Nizan Kasper, ...

In direkter Nachbarschaft der russisch-orthodoxen Kirche des heiligen Johannes v. Kronstadt in Hamburg befindet sich seit 2009 das schöne 3D Graffiti '20357'. Aus der Vogelperspektive betrachtet, kann man im Werk von Heiko Zahlmann die Postleitzahl des Bezirks rund um das Karoviertel erkennen. Diese Form der Wiederbelebung des dortigen Platzes brachte jedoch nicht nur Milchschaum, Rotwein und dazugehöriges Klientel mit sich, sondern lud richtigerweise jeden ein. Eben auch Skater. Das Keinbürgertum mag Kunst ertragen, jedoch waren Skater dann doch zu viel des Guten und der Bezirk Mitte, welcher denn auch sonst, entschied sich mit gußeisernen 'Skatestoppern' dem 'Problem' Herr zu werden. Ohne Absprache des Künstlers, der wiederum erfolgreich protestierte. Die Stopper verschwanden. Das Kunstwerk wurde wieder hergestellt, aber der Boden um '20357' ist nun geriffelt. Einen besseren 'Skatestopper' gibt es nicht.

Im folgenden Video dokumentieren die Herrschaften des großartigen Künstlerkollektivs 'we are visual' kurz .wav, wie man Abhilfe schaffen kann. Man nehme mobile Rampen, lege sie über den unbefahrbaren Boden, fixiere sie mit Schrauben und nutze das Skateboard. Seht selbst und verpasst nicht zu sehen, wie sich innert kürzester Zeit Besuch anmeldet. Unerwünschter Besuch.

Übrigens, es ist wahr, dass dieses Geklicker und Geklacker von Skateboards nervtötend sein kann und es ist richtig, dass Menschen die sich freuen durchaus auch lauter werden. Das ansässige Kleinbürgertum wollte keine mehrspurigen Straßen vor der Haustür mehr. Die gibt es inzwischen nicht mehr.

Häufig will dieses Klientel auch keine Kindergärten in der Nachbarschaft, keine Obdachlosen unter Brücken und eben auch keine Skater in Hörweite. Vielleicht sollte man ... ja. Wir sollten wirklich!

23 September 2011

buch: Raouf Khanfir / Wittgenstein

cover raouf khanfir wittgensteinRaouf Khanfir / Wittgenstein
Roman
EAN 9783941978072 / 152 Seiten
Hablizl (2011) / 16,90 Euro

There are some people who can swallow their fear ...

Dieses Buch ist augenscheinlich eine der guten Neuerscheinungen in diesem Jahr. Augenscheinlich, weil die Buchgestaltung schon hervorragend ist. Verantwortlich für diese Arbeit zeichnet niemand Geringeres als der Grafiker Mario Lombardo und sein BUREAU LOMBARDO. Verlegt wird das Buch im unabhängigen HABLIZEL Verlag, dessen sowieso ausgewähltes Programm an dieser Stelle nicht verschwiegen werden sollte. Also eine augenscheinlich gute Neuerscheinung - und wie sieht es mit dem Inhalt, dem essentiellsten Teil eines Buches, aus? Kurzum, auch hier kann ein sehr gutes Urteil gefällt werden: Raouf Khanfir ist ein wirklich lesenswertes Debüt gelungen!

Widmen wir uns der Geschichte. Marco H. besitzt nicht viel. Er bewohnt ein möbiliertes Zimmer im kanadischen Montréal und kann seinen weltlichen Besitz in zwei Koffern unterbringen. Sein Leben gestaltet sich recht ungezwungen, ja nahezu hedonistisch könnte man sagen. Konzertbesuche, lange Abende auf seiner Holzterasse zur Ruelle und jeden Morgen die Warterei vor dem gemeinsamen Badezimmer der Hausgemeinschaft.

Eines morgens ereilt Marco H. eine gute Nachricht. Behördenpost aus Bad Berleburg in Deutschland verkündet, dass er ein Haus geerbt habe. Er beschließt Montréal zu Gunsten der südwestfälischen Provinzu verlassen. Eine streibare Entscheidung. Bei seiner Ankunft in Wittgenstein, hier also nun erkennen wir, dass der Namensgeber des Buches keineswegs der große, gleichnamige Philosoph ist, tritt ihm das ungewöhnliche Begrüßungskommitee gegenüber. Ein etwa zehnjähriges Mädchen tritt aus dem Halbschatten der Bahnhofshalle, tritt zaghaft vor, piepst ein Willkommen und verschwindet ebenso schnell, wie sie auftauchte.

Fortan, so könnte man sagen, geht einiges nicht mehr mit rechten Dingen zu. Das Haus der Grosstante scheint vom Geist eben jener Dame bewohnt zu werden. Zwar findet Marco H. einen Job als Telefonist beim örtlichen Taxiunternehmen und sogar eine neue Freundin, doch ist da auch noch ein alter Nachbar aus Kanada, der alles über ihn zu wissen scheint und letztlich sterben Menschen. An den Landstraßen liegen sie. Ohne Gesichter. Für immer aus dem Dasein gestrichen.

Hier darf geschlossen werden. Nur eins sei noch gesagt: Wittgenstein ist ein zweistimmiger Roman. Und obwohl es dem aufmerksamen Leser nicht schwer fallen wird, die zweite Stimme rasch zu zuordnen, verliert dieses Buch keinesfalls an Spannung. Präzise formuliert es der Klappentext: 'Existenzialistischer Krimi. Mysteriöse Geistergeschichte. Wie ein sanfter, dennoch beunruhigender Albtraum während eines zu lang geratenen Mittagsschläfchens'. Lesen Sie dieses Buch, werte Herrschaften!

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01 September 2011

buch: Viktor Pelewin / Buddhas kleiner Finger

cover viktor pelewin buddhas kleiner fingerViktor Pelewin / Buddhas kleiner Finger
Roman
aus dem Russischen von Andreas Tretner
EAN 9783630621593 / 432 Seiten
Sammlung Luchterhand (1999) / 10,00 Euro

Literatur vom Abhanden- und Ankommen im Nirgendwo

Viktor Pelewin gilt als einer der begnadetesten, zeitgenössischen Schriftsteller Russland und kann auf eine riesige Fangemeinde zählen. Trotzdem tritt er, obwohl doch wohnhaft in Moskau, in seiner Heimat nicht öffentlich auf. Das bedeutet keine Lesungen, keine Interviews, jedoch aber eine stete Präsenz im Internet. Kein Wunder, denn auch als das hier anempfohlene Buch Buddhas kleiner Finger für den russischen Booker Preis vorgeschlagen wurde, hat die Jury befunden, dass dieser Mann eine Gefahr für das kulturelle Gedächtnis Russlands darstellt. Pelewin ging damals natürlich leer aus. 2001 erhielt der brilliante Andreas Tretner für die deutsche Übersetzung den Paul-Celan-Preis - doch Auszeichnungen hin oder her, denn hat dieser Schriftsteller sie wirklich nötig?

Russland 1919 - Pjotr Pustota ist ein junger Dichter aus St. Petersburg. Nun muss noch gestattet sein, dass an dieser Stelle der Name Pustota zu übersetzen ist: auf Deutsch bedeutet er so viel wie 'Leere'. Der junge Mann also dichtet und wird in den aufgeregten Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche von den falschen Menschen missverstanden. Ihm bleibt nur die Flucht nach Moskau, wo er sich, gerade erst angekommen, in seinem alten Freund Grigori von Ernen empfindlich täuscht und diesen erwürgt. Ein Zwischenfall der ihm unfreiwillig zu einer neuen Identität und später zur Bekanntschaft mit Wassili Iwanowitsch Tschapajew verhilft.

Tschapajew mag der russiophilen Leserschaft möglicherweise aus dreierlei Gründen bekannt sein: Als legendärer Kommandeur der Roten Armee, als Hauptfigur sowohl im gleichnamigen russischen Filmklassiker, als auch in unzähligen Witzen. Viktor Pelewin erhebt diesen Mann jedoch auch zu einem mysteriösen, unnahbaren buddhistischen Meister. Ihn und Pustota werden Gespräche, in von Alkohol und Papirossa Qualm geschwängerter Luft, in höchste Höhen schwingen. Im Kampf zwischen Roten und Weißen bringt es der ehemalige Dichter und Querulant zum Politkommisar des Kommadeurs. Bis sich alles in Leere auflöst ...

Pelewins Kunstgriff ist die Auflösung einer zeitlichen Kontinuität. Als Leser finden wir uns plötzlich im Moskau der Gegenwart wieder. Genauer in der Nervenklinik des fragwürdigen Professors Kanaschnikow. Ja, Kanaschnikow. Unserem vermeintlichen Dichter wird eine astreine Pseudopersönlichkeitsstörung zugeschrieben. Bei heilästhetischen Praktika und absurden Gruppengesprächen lernen wir einige sogenannte 'neue Russen' kennen. Menschen wie den jungen Maria, dessen phallische Fantasien unter anderem eng mit Arnold Schwarzenegger verknüpft sind.

Wo führt das alles hin? Buddhas kleiner Finger ist kein einfaches Hin und Her zwischen zwei absurd-fantastischen Schauplätzen und kein schlichtes Sittengemälde einer Nation, deren kulturelles Gedächtnis schon seit vielen Jahrzehnten empfindlich angeschlagen ist. Weder spinnt Pelewin ausschließlich, noch spiegelt er nüchtern. Die Stärke dieses Romans liegt in seiner literarischen Tiefe, einer unwahrscheinlichen Komik und der bittersüßen Tragik jeder Figur. Mit voller Inbrunst kann man Hellmuth Karasek zitieren, wenn dieser anmerkt, dass es Kapitel gebe, die 'zum Grandiosesten gehören' was er seit langer Zeit gelesen habe.

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25 August 2011

film: 9/11: THE FALLING MAN

falling man9/11: THE FALLING MAN
Darlow Smithson Productions (uk / 2006)
regie: Henry Singer
story: Tom Junod
dauer: 1:11:27

Ein Augenblick im Leben eines Menschen, an einem denkwürdigen Tag

Nebenstehendes Motiv entstand am elften September 2001 in New York City. Um 9:41:15 betätigte der Fotograf Richard Drew den Auslöser seiner Kamera. The Falling Man ist nur eines von tausenden Motiven dieses Tages. Es zeigt keinen Überlebenden, keinen Helden und keine Explosionen. Es zeigt nur eine Person die fällt. Auf faszinierende Art bannt das Foto den Betrachter, strahlt eine unerklärliche Ruhe aus. Vielleicht passte diese Darstellung des 11.September nicht in den common sense dieser Tage, jedenfalls verschwand Richard Drews Aufnahme innert weniger Stunden wieder von der Bildfläche der internationalen Berichterstattung.

Mit der Dokumentation 9/11: The Falling Man versuchte Henry Singer nicht nur auf die Spur der Identität des fallenden Mannes zu kommen, viel mehr stellt er das Schicksal von über zweihundert Menschen in den Mittelpunkt des Films. Sie alle haben in den letzten Minuten ihres Lebens eine Entscheidung getroffen - sie sprangen in den Tod. Waren es Selbstmörder? Was sehen wir wirklich, wenn wir diese Menschen betrachten? Wieder ist es die Macht der Bilder, die eine Frage in uns aufwirft.

2007 wurde Henry Singer bei den New York Festivals für diese siebzig Minuten mit der Gold Medaille ausgezeichnet. Nehmt euch die Zeit, denn es lohnt sich!

23 August 2011

media: Wahre Worte Weiser Wirte

wahre worte weiser wirteWahre Worte Weiser Wirte
web. wahre-worte-weiser-wirte.de
heads. mkk werbeagentur
since. 2010
location. hamburg

Viel zu viele Menschen bleiben in viel zu einsamen Wohnzimmern vor den Fernsehgeräten hängen und viel zu oft reduziert sich das gesellige Beisammensein auf zielorientiertes Socialising. Die Renaissance der Kneipen und Bars, Tavernen und Schankwirtschaften wäre zu begrüßen. So erklärt sich auch meine Ansicht, dass das Sprichwort 'Wer nichts wird, wird Wirt' gepflegt in die Tonne getreten werden kann. Der Wirt soll gefeiert werden, denn sein Wirken, so er natürlich kein völliger Hanswurst ist, verspricht weitaus mehr, als nur Schnaps und Zigarettenqualm - es bringt Menschen zusammen.

Der selben Ansicht sind auch die Macher von wahre-worte-weiser-wirte.de. Sie erklären Wirte zu multiplen Persönlichkeiten und bemerken all die Anforderungen, die an sie gestellt werden - von der Gesellschaft, von uns, den Gästen. D'accord. Bemerkt habe ich das Projekt im gutsortierten Buchladen. Der feine rote Einband mit den wahren Worten weiser Wirte aus Hamburg ist im September 2010 beim Junius Verlag erschienen. Ein wirklich schönes Buch.

Für die Umsetzung der gleichnamigen Website ist die Hamburger Werbeagentur MKK zuständig gewesen. Hier finden sich Portraits diverser Persönlichkeiten aus der Gastronomie in Wort und Bild. Herausragend sind all die unterschiedlichen Videos, zum verschicken, verweilen, lachen und letztlich zum feiern, denn da kommt noch was.

Die über 60 Stunden Material aus O-Tönen landen peu à peu im Netz und im Spätherbst wird dann eine Premiere gefeiert. Eine exklusive und auf 99 Exemplare DVD soll pünktlich zu Weihnachten über den Shop erhältlich sein. Alle bis dato veröffentlichten Kneipenführer für Hamburg scheinen mit einem Mal völlig überflüssig. Nun, ehrlicherweise waren sie das ja schon immer.

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22 August 2011

buch: Constantin Göttfert / Satus Katze

cover constantin göttfert satus katzeConstantin Göttfert / Satus Katze
Roman
EAN 9783406621642 / 139 Seiten
C.H. Beck (2011) / 17,95 Euro

Die Toten wollen wir nicht.

Constantin Göttferts Debütroman könnte durchaus verfilmt werden - und zwar, so schwebt es mir jedenfalls vor, von Herrn Lars von Trier. Düstere, unheimliche Bilder zeichnen die vielschichtige Geschichte von 'Satus Katze' und den Erlebnissen eines jungen Stipendanten aus. Dieser sitzt in einem Wiener Café, kürzlich erst aus finnischen Großstadt Oulu zurückgekehrt, und muss feststellen, dass er nicht über den erwarteten Abschlussbericht zu seiner Stipendienzeit verfügt. Er müsste schreiben. Nur worüber? Wir werden es erfahren und verstehen, weshalb sich dieses Unterfangen nicht sonderlich leicht gestaltet.

Doch kehren wir nach Wien zurück. Hier sitzt an einem der Nachbartische, des eingangs bereits erwähnten Cafés, die junge Schauspielerin Nora. Sie telefoniert und zieht mit den gesprochenen Worten die Aufmerksamkeit unseres Protagonisten auf sich. Es geht um Finnland, es geht um eine Katze. Man wird ins Gespräch kommen. 'Ich starrte auf die Katze auf dem Plakat des Theaters gegenüber und hatte Angst. Bitte, lass mich erzählen, sagte ich.'

So verschlägt es uns in die sechstgrößte Stadt Finnlands, einen Ort an dem die Bewohner im Winter keinen Sonnenstrahl zu Gesicht bekommen und Alkohol eine ihrer größten Geißeln ist. Hier ist er nun also. In Oulu. Der Stipendant aus Österreich. Bald fischt er eine Plastiktüte aus einer, im verschneiten Innenhof stehenden, Mülltonne. In ihr zwei Katzen, nicht größer als seine Hand. Eine lebt, eine ist bereits tot und letztere will er nicht. Um sie vom Kadaver unterscheiden zu können, braucht die lebende Katze einen Namen. Einen finnischen Namen, denn es ist eine finnische Katze: Louhi.

Machen wir einen erneuten Schnitt. Gemeinsam mit der Literaturprofessorin Dr. Karjalainen wird der Erzähler einen Ausflug auf eine einsame Insel machen. Er wird im Manuskript des jungen Schriftstellers Satu Keinänen lesen und rasch feststellen, wie eng die erst fikitiv anmutendene Geschichte, mit seiner Realität verknüpft ist. Einer Realität die sich immer verworrener, immer mysteriöser gestaltet.

Was jedoch hat Nora, die junge Schauspielerin aus Wien, mit den Geschehnissen im hohen Norden zu tun? Warum ritzt man die Initialen von Toten in die Rinde eines Baumes? Ein seltsames Band verbindet alle Charaktere in 'Satus Katze'. Vielleicht die große, schwarze Katze der finnischen Mythologie, vielleicht jedoch auch der große menschliche Konflikt zwischen Eros und Thanatos. Vieles kann man aus Constantin Göttferts Debüt herauslesen. In jedem Fall ist ihm jedoch ein vielschichtiger Roman gelungen, der bis zum Schluss spannend, magisch und recht unheimlich ist.

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13 April 2011

szene: Chez Lenz

gottlob lenz kommt chez lenzGOTTLOB LENZ / CHEZ LENZ

opening: 28.04.2011, ab 18:00 uhr
location: chez lenz,
brandshofer deich 116, 20539 hamburg

kosten: kommt drauf an
details: chezlenz.de

Gottlob Lenz kommt! Endlich besucht unser alter Freund und Weggefährte seinen Heimathafen Hamburg wieder. Still war es nie um ihn, denn irgendwie bekam man stets von all den Abenteuern zu hören, die er als überzeuger Kosmopolit tagtäglich erlebte. Luftpost ade - ab dem 28.April läd er alle seine Freunde ein. Gemeinsam erleben, feiern und genießen wir dann für einen Monat mit ihm den Frühling und zwar in bester Atmosphäre und unter ganz magischen Bedingungen, denn er hat es wieder geschafft:

Wir sind überglücklich, denn am Brandshofer Deich öffnen sich Ende diesen Monats die Türen des Chez Lenz. Kurzerhand hat er die Räumlichkeiten des alten Stammsitzes der Binnenreederei seiner Familie umfunktioniert. Nun ist Platz für Gaumenschmaus, ein ausgewogenes Kulturprogramm aus Musik, Literatur und Schauspiel, sowie viele Umarmungen und gute Worte. Das ganze Spektakel ist von temporärer Natur, findet drinnen wie draußen statt und ist keineswegs zu sehr ab vom Schuss. Ob Auto, ÖPNV, mit dem Fahrrad oder Schritt für Schritt: die Oberhafencity ist keine Weltreise, denn davon nimmt unser Freund Gottlob Lenz aktuell auch bewusst eher Abstand.

Wer mehr erfahren will, der sollte sich der gerade freigeschalteten Website gottleblenz.de bedienen. Dort schreibt der Macher selbst, erklärt alles was erklärenswert ist, eröffnet euch Wege ebenfalls eingeladen zu werden, um mit ihm den Frühling zu zelebrieren und einen ersten Blick auf die Speisekarte könnt ihr auch schon werfen. Ansonsten treibt sich Gottlob neuerdings auch auf Facebook [*] und Twitter [*] und freut sich auf euch.

04 April 2011

buch: Tino Hanekamp / So was von da

cover tino hanekamp so was von daTino Hanekamp / So was von da
Roman
EAN 9783462042887 / 288 Seiten
Kiepenheuer & Witsch (2011) / 14,95 Euro

Krieg? Krebs? Kiezkalle? Beschissene Wörter. Dieser Roman? Fabelhaft.

Der einundreissigste Dezember und ein neues Jahr kündigt sich an. Oskar Wrobel hat allen Grund, dieser Tatsache eher verhalten entgegen zu sehen, denn es ist die letzte Nacht. Sein großartiger Musikclub, in dem er und das tobende Publikum der nüchternen Realität zu entfliehen im Stande waren, wird abgerissen. Folgerichtig ist Silvester nur der allseits laute Rahmen für das letzte große Spektakel am anderen Ende der Reeperbahn. Was bleibt sind Erinnerungen, Erfahrungen und ein verdammter Schuldenberg. Falls die ganze Sache nicht vorher noch ordentlich eskaliert und Gründe dafür gibt es genug.

Ein Ex-Lude, der seine Wohnung stürmt und unwirkliche Forderungen stellt, dürfte ebenso einer sein, wie sein bester Freund Rocky, der im Zenit seiner Karriere, aber auch am Rande des Wahnsinns steht. Doch erstmal muss der Club für den Leichenschmaus aufgemotzt und hergerichtet werden. Wechselstube, extrem viel Schnaps, das übliche Gemüse, rotes Obst für die MDMA-Bowle, Friedhofskerzen zwecks Fummellicht in den Bumsbuden, Eis und Blumen beim Kurden. Eine Liste, sowie ein enger Zeitplan, dessen Einhaltung durch den Auftritt des toten Elvis und der Innensenatorin zu einem schier unmöglichen Unterfangen zu werden scheint. Und letztlich ist da noch Mathilda. Mathilda, Mathilda, Mathilda - die große, die einzige, die wahre Liebe. Das Stigma, dass Oskar schon eine gefühlte Ewigkeit mit sich herumträgt, denn Mathilda scheint verloren.

Ein Held mit gebrochenem Herzen, dessen Wirkungsgrad über knapp dreihundert Seiten kaum größer ist, als die bescheidenen Hallen seines Clubs, der im Sterben liegt, ist Garant für den aktuell besten Roman aus Hamburg. Existenzielle Fragen mischen sich in 'So was von da' mit dem bitteren Geschmack von MDMA und zusammengebrochenen Gaderobestangen. Wenn Anselm, der von Seite zu Seite immer derangiertere Liftboy, die verehrte Biomasse im Fahrstuhl zum Schafott willkommen heißt, dann geht mir das Herz auf. Traurig schön ist dieser Roman und so unwahrscheinlich komisch und unterhaltsam, dass man ihn wie im Rausch nicht mehr aus der Hand legen will, bis die letzten Lichter ausgehen.

Verehrte Leserschaft, es handelt sich bei Tino Hanekamps Werk um ein zwingendes Buch. Lesen Sie es!

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27 Februar 2011

szene: Juli Gudehus. Das Lesikon.

das magazin das lesikonJULI GUDEHUS. DAS LESIKON

zeitraum: 04.03.2011, ab 20:00 - 23:00 uhr
location: das magazin,
teilfeld 8, 20459 hamburg

kosten: keine
details: art-lawyer.de

Ein Regalboden, der nur so strotzt vor Büchern voller sehr gutem Desig ist der Garant für den ein oder anderen Blickfang. Da sind jene Buchrücken die ganz besonders hervorstechen. Ein solcher ist ganz bestimmt der des Lesikons, dem neuen Werk von Juli Gudehus. Es ist eines mit fundamentalem Anspruch geworden mit seinen immerhin 3000 Seiten! Dazu ein durchaus klingender Titel: 'Das Lesikon der visuellen Kommunikation.' Und irgendwie, so schlicht und ergreifend, wie es daherkommt hat das Buch etwas wildes, es strotzt es doch vor Zettelage. Hier und da schielen Fundstücke hervor und verführen zum Entdecken. Wie gewohnt verlegt der Hermann Schmidt Verlag erneut ein Buch, das mehr als positiv auffällt. Eines das sich der Sprache der Gestalter, der Designer, der Kreativen widmet.

Inwiefern und weshalb sich das Lesikon dem klassischen Konzept der Lexika verweigert oder wie lange und mit wem Juli Gudehus an 9704 Einträgen gearbeitet hat, kann man in einer Präsentation erfahren, die gepaart mit einem Vortrag, einen schönen Abend verspricht. Möglich macht das nicht nur die Präsenz der Berliner Designerin, sondern auch das Revival von 'Das Magazin'. Die Pause ist vorbei und im Teilfeld 8 darf wieder in die Hände geklatscht werden. Vor Freude, Begeisterung und Enthusiasmus für diese gute Sache.

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21 Februar 2011

buch: Martin Maurer / Terror

cover martin maurer terrorMartin Maurer / Terror
Thriller
EAN 9783832196165 / 384 Seiten
Dumont (2011) / 19,95 Euro

Terror und Bedrohung als Staatsangelegenheit

Ein halb totgeprügelter Marokkaner stört den Familienurlaub, den Marc Burth mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter geplant hat, empfindlich. Der völlig verstörte Mann weigert sich vehement in ein Krankenhaus gebracht zu werden. Als er auch noch behauptet, dass es Polizisten waren, die ihn so zugerichtet haben, beginnt Burth neugierig zu werden und sich einzumischen. Ziemlich rasch muss der Kameramann feststellen, dass weit mehr hinter dem Übergriff steckt als nur gewöhnliche Polizeigewalt. Eine Verschwörung, die bis ans Ende des zweiten Weltkriegs heranreicht und bis heute nicht aufgearbeitet worden ist.

In Terror bedient sich Martin Maurer dreier Erzählstränge, die mit einer Rasanz aufeinander zusteuern, dass sich bei mir ein Effekt eingestellt hat, den ich sonst nur von guten Serien kenne: noch ein Kapitel, nur noch eins, nur noch eins und immer so weiter. Da ist Marc Burth, der mit Hilfe von Bekannten immer mehr über die NATO Geheimarmee und die Stay Behind Organisation GLADIO erfährt, da sind zwei Carabinieri, für die Lenzari vom beschaulichen Bergdorf zu einem einzigen riesigen Tatort wird, und letztlich gibt es die Dolmetscherin Clara, die sich mit einem Trauma konfrontiert sieht, das sie seit dem G8 Gipfel von Genua 2001 nicht loslässt.

Dieser Thriller ist zwar kein erzählerisches Glanzstück, aber mit Sicherheit eine der spannendsten und interessantesten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. Manches mal war mir, als ob der Plot wirklich arg konstruiert ist, doch Hand aufs Herz. Weglegen habe ich verwöhnter Leser dieses Buch kein einziges Mal gemocht. Schon mit dem Verweis des Autors auf die WDR-Dokumentation 'Die Gipfelstürmer' [*] oder auf die Ungereimtheiten bei den Ermittlungen zum Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 hat er Grundlagen für eine so spannende Story gelegt, dass ich in den Bann gezogen war. Viele sollten dieses Buch lesen, denn es unterhält nicht nur, sondern öffnet vielleicht auch so manches Augenpaar für ein sehr düsteres Kapitel europäischer Geschichte, das bis in die heutige Zeit reicht.

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13 Februar 2011

buch: Frost 187 / 1 Life 2 Live

flyer frost 187 buch 1 life 2 liveFrost 187 / 1 Life 2 Live
187 Straßenbande
EAN - / 160 Seiten
Independent (2011) / 15,- Euro

Frost legt das fundamentale Buch zu Graffiti und Streetlife aus Hamburg vor.

Es hat ein wenig länger gedauert, als erwartet. Die Druckerei hat nicht exakt gearbeitet, das Weihnachtsgeschäft ging damit Flöten. Insgesamt wurden 1500 Exemplare gedruckt und eines davon liegt jetzt vor mir. Über mangelenden Absatz kann sich Frost 187 trotzdem nicht beklagen. Sein erstes Buch geht gut. Das Hiphop-Magazin Backspin bat ihn als Aboprämie 25 Exemplare zur Verfügung zu stellen. Ruckzuck waren die Prämien weg, die Abos abgeschlossen - sein Buch ist deutschlandweit gefragt. Man kennt seinen Namen.

Frost. Vor ungefähr zehn Jahren begann seine Karriere in Hamburg. Auf der einen Seite inspiriert durch die Szene der 80er in New York City, sowie die der 90er in Paris und durch einen einfachen, aber essentiellen Umstand: Die Wahrnehmung seiner Umwelt. Wer das Grau der urbanen Landschaft nicht nur hinnimmt, sondern wahrnimmt, der wird schnell zum Wunsch kommen, Farbe einzusetzen. So war es eben auch bei ihm.

Es sei die Berliner Mauer gewesen, die er erinnert. Sie war voller Farbe. Voller Graffiti. Dann wurde die Mauer eingerissen und die Freiheit war da. Graffiti auf Beton, als Türöffner zur Freiheit. Vielleicht erklärt diese Anekdote mehr, als nur die Liebe zu Aerosoldämpfen aus Sprühdosen eines Malers. Er, einer der Mitbegründer der 187 Straßenbande, die von Tag zu Tag immer im Musikbusiness Fuß fasst. Mehrere Alben, bald die dritte 187 DVD und begehrte Pullis und Shirts, sowie kürzlich eine Doppelseite in der Hamburger Morgenpost. Eins jedoch hat man sich bei den 187ers stets bewahrt: Die Unabhängigkeit. Keine Mauer, kein Käfig - immer das eigene Ding durchziehen und wenn nötig mit dem Kopf durch die Wand.

So versammelt '1 Life 2 Live' nicht nur Graffiti von Frost, sondern ist auch Support auf vielen Seiten auch seine Jungs. Das Buch hat Ghettoqualität und ist mehr als ein Bildband. Es wirkt wie ein Fotoalbum mit Gangfotos und Aufnahmen von Tätowierungen. Auf der einen Seite viel intimer als jeder andere bisher erschienene Titel, auf der anderen Seite auch noch kredibiler und rougher.

Zu haben ist das Buch bis jetzt nur in Hamburg bei DaSource [*], UnderPressure [*] und JustFitteds [*]. Bald so ist zu hoffen jedoch auch im Shop der 187ers [*]. Support it!

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03 Januar 2011

szene: gute aussichten 2010 / 2011

gute aussichten 2011GUTE AUSSICHTEN - JUNGE DEUTSCHE FOTOGRAFIE 2010 / 2011

zeitraum: 20.01.2011 - 27.02.2011
location: haus der photographie,
deichtorstraße 1-2, 20095 hamburg

details: guteaussichten.org

Das sind 'gute aussichten' für das neue Jahr und zwar ganz im Zeichen der Sieben - denn ebenso viele Juroren haben im siebten Jahr der Ausstellung, sieben Arbeiten prämiert. Aus 96 Einreichungen haben Gründerin Josefine Raab, Wibke von Bonin, Gregor Jansen, Mario Lombardo, Stefan Ostermeier, Thomas Ruff und der Kurator am Haus der Photographie Ingo Taubhorn eine nun also ausgezeichnete Selektion vorgenommen. Summa summarum heißt das für Besucher nun exakt 146 einzelne Motive, zwei DVDs, zwei Bücher, zwei Texttafeln, sowie ein Diaobjekt. Das alljährliche Engagement der Menschen hinter 'gute aussichten' macht diesen Wettbewerb samt Ausstellung zur Angelegenheit schlechthin für jeden dem Fotografie eine Passion ist.

Das großartige Spezial-Heft zu 'gute aussichten 2010/2011' ist übrigens bereits erschienen. Vielleicht wurde es von dem einen oder anderen Mitmenschen in 'Monopol' und 'sleek' bereits entdeckt. Alle anderen finden es kostenfrei in den Deichtorhallen. Für die zauberhafte Gestaltung war erneut der einzigartige Mario Lombardo mit seinem Team des Bureau Lombardo verantwortlich. Geneigte Leser können sich auch schon auf dem Bildschirm den ersten Einblick verschaffen - eine .pdf ist dann der Weg zum Ziel [*].

Darüberhinaus erscheint der diesjährige Ausstellungskatalog, zweisprachig auf Deutsch und Englisch, schon am 17. Januar - ihr solltet ihn besitzen wollen, ebenso wie ihr einmal, zweimal, nein - gleich siebenmal diese Ausstellung besuchen solltet. Los geht es wie schon erwähnt am 21. Januar und zwar ab 19 Uhr.

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