04 März 2013

buch: David Vann / Dreck

cover david vann dreckDavid Vann / Dreck
aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
EAN 9783518423677 / 296 Seiten
Suhrkamp (2013) / 19,95 Euro

Es dauerte zwölf Jahre bis David Vann einen Verlag für seinen Debütroman Im Schatten des Vaters fand. In dieser Zeit arbeitete er als Bootsbauer und fuhr zur See – ein furchtbar romantisches Bild das die sicherlich eher karge Realität abbildet. So empfand ich auch einige Szenen in Vanns aktuellem Roman Dreck, der eben bei Suhrkamp in deutscher Sprache erschienen ist. Die Gabe, furchtbare Geschichten in ästhetische Worte zu fassen, beschert dem Autor einen nachhaltigen Erfolg.

Auf einer recht abgeschiedenen Walnussplantage in Kalifornien lebt der zweiundzwanzigjährige Galen. Sein Vater ist ihm gänzlich unbekannt, seine Mutter dafür umso präsenter. Mit ihrer Überfürsorglichkeit treibt sie ihren Sohn zur Weißglut. In der Konsequenz will er eigentlich nur fort - dem tristen Alltag, der erbarmungslosen Hitze, all dem Schmutz und Schweiss entkommen und ein eigenes Leben beginnen. Er will das College besuchen, die Freiheit haben zu reisen, um endlich die ganze Welt erfahren zu können. Obwohl Mutter und Sohn, den Resten eines Familienvermögens sei Dank, nicht in Armut leben müssen, bleibt ihm dieser Schritt verwehrt. Statt trotzdem aufzubrechen und selbstständig den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen, bleibt Galen lieber im kühlen Schatten eines Baumes sitzen und lässt sich eiskalte Orangenlimonade und akkurat belegte Sandwiches reichen. Ein hassender Pascha und Mann-Ersatz, der fortan einem Abgrund entgegen taumelt.

Er liest Carlos Castaneda, entwickelt bei der Lektüre von Khalil Gibrans Der Prophet Hochgefühle und versinkt in den Seiten von Die Möwe Jonathan. Immer dem Transzendenten auf der Spur flüchtet sich Galen in Askese und Versuche tiefer Meditation. Nicht nur die Scheinheiligkeit der häuslichen Idylle oder die regelmäßigen Besuche bei der im Pflegeheim wohnenden Großmutter und gemeinsame Familienausflüge in die Wälder Kaliforniens empfindet er als störend, sondern auch seinen als weltliches Laster empfundenen Sexualtrieb. Galens siebzehnjährige Cousine Jennifer weiß um ihre diesbezügliche Macht über ihn, lebt sie mit teils sadistischen Übergriffen aus. Es ist diese Beziehung, die in einem traumatischen Bild gipfelt und als Auftakt einer fortwährenden Eskalation der weiteren Geschehnisse zu betrachten ist. Die Abgründigkeit, mit der David Vann in Dreck spielt, ist beeindruckend und beklemmend zugleich. Sein von nahezu eindeutig paranoiden Gedanken getriebener Protagonist wähnt sich auf dem Pfad der Erleuchtung, verstrickt sich dabei jedoch in einen archaischen Wettstreit.

Dass es sich trotz oder gerade deshalb auch um einen vorzüglichen Unterhaltungsroman handelt, zeigt die Skurrilität der Geschichte, die uns Leser anfänglich immer wieder auflachen lässt. Sie gipfelt in einer Nachtmeerfahrt in die Tiefen der menschlichen Seele. Sicherlich ist diese Charakterstudie, die uns vom unterdrückten Trieb zur Psychose und vom ödipalen Komplex zu einer Art Vatermord führt, auch eine unterschwellige Kritik an einem gegenwärtig aufkeimenden Zeitgeist. Mit einer erstaunlichen Naivität werden heute wieder universelle Heilsversprechungen angenommen und zum Vehikel auf einer Flucht vor Welt und Wirklichkeit. Das hieraus Destruktivität und eine neue Form der Unfreiheit entstehen können, zeigt Dreck auf schonungslose Art und Weise. Es ist letztlich Galens Mutter, die die Oberflächlichkeit seines Denkens entlarvt, in dem sie ihm an den Kopf wirft nicht einmal William Blake, geschweige denn dessen Werk, zu kennen. Dies geschieht zu spät, auf verbrannter Erde, als sie kein Gehör mehr finden kann und es längst keine Zukunft mehr gibt. Die Untiefen, in denen beispielsweise aus der Mutter eine Abart von Schrödingers Katze wird, müssen erst erlesen werden. Passiert dies, so werden der Leserschaft die erlebten knapp 300 Seiten in bester Erinnerung bleiben.

und nun die werbung:

20 September 2012

einwurf #37

charlie chaplin as hitlerdas ist unser einwurf #37
heute: nachzittern und vorglühen.

'Unschuld der Muslime' ist ein mutmaßlich us-amerikanischer Spielfilm von Nakoula Basseley Nakoula aus dem Jahr 2011. Das von religiösen und politischen Extremisten unterstützte und als antiislamischer Propagandafilm konzipierte Werk ist an die historische Figur des Mohammed ibn 'Abd Allah ibn 'Abd al-Muttalib ibn Haschim ibn 'Abd Manaf al-Quraschi (570–632) angelehnt, entspricht jedoch nicht den überlieferten Quellen.

Dieser einleitende Absatz ist eine abgewandelte Fassung des Wikipedia-Artikels über den nationalsozialistischen Propagandafilm 'Jud Süß' - eine recht gewagte Abwandlung, denn zwischen der Premiere des Harlan'schen Films 1940 und dem Ende des zweiten Weltkriegs im Jahre 1945 stehen Verbrechen, die mich, um es mit den Worten Adornos zu sagen, nachzittern lassen.

Das Nakoula alias Sam Bacile und seine Unterstützer keinen Vernichtungskrieg führen können, keine Vernichtungslager einrichten dürfen ist sehr gut, denn es ist durchaus anzunehmen, dass sich beides wunderbar mit ihrem Weltbild vereinbaren ließe. Schon die Tatsache, dass Nakoula sich als 56-jähriger, jüdischer Schriftsteller ausgab und behauptete 'Innocence of Muslims' mithilfe jüdischer Geldgeber finanziert zu haben, ist grotesk. Schnell stellte sich dies alles als Lüge heraus, aber die Saat war längst gesäät.

Muslime, Juden und Neger - alles Satire
Vielerorts glauben immernoch Menschen die Mär vom amerikanisch-zionistischen Hassfilm und es ist durchaus anzunehmen, dass Nakoula nichts anderes erreichen wollte. Das religiöse Extremisten, die sich selbst dem christlichen Glauben zuordnen und diesen damit ebenso wenig repräsentieren, wie Ayman al-Zawahiri den Islam, hinter dem vielbesprochenen Film stecken, ist inzwischen sehr sicher. Sie tun sich nicht schwer damit Juden und Muslime gleichermaßen zu hassen - achja, und natürlich Barack Obama.

Die Ausschreitungen nach der Veröffentlichung der sogenannten 'Mohammed-Karikaturen' in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten im Jahre 2005 scheinen nur das Vorglühen der extremistischen Kräfte fast jeder Coleur gewesen zu sein. Doch nicht nur, dass wir heute eine schwerere Explosion der Gewalt erleben müssen, nein, auch ist der Film 'Unschuld der Muslime' keine Satire mehr. Es ist, wie eben mit dem einleitenden Absatz verdeutlicht, ein antiislamischer Propagandafilm.

Es ist schon absonderlich, dass gerade auf Spiegel Online ein Kommentar zu lesen ist, der das was die beiden Satire-Blätter 'Charlie Hebdo' und 'Titanic' aktuell machen, so vortrefflich entlarvt. Als 'Trittbrettfahrer der Meinungsfreiheit' tituliert Stefan Kuzmany die Redaktionen im Speziellen, und man mag annehmen viele andere Mitmenschen im Allgemeinen. Ein Beitrag von jener Sorte, die beim besagten Nachrichtenmagazin ein viel zu seltenes Vergnügen gewordenen sind. Ebenso wie Satire auf dem Niveau eines Charlie Chaplin, dessen Konterfei als der große Diktator (1940) das einzige satirische Stilelement dieses einwurfs bleiben soll.

Am Ende ein Fragezeichen
Im Angesicht dieses Umgangs der Menschen miteinander, muss ich recht oft an öffentlich ausgelebten Sadomasochismus denken und das bedrückt mich. Gut, mögen sie tun, wie sie wollen, aber ihre und meine Kinder schauen zu, werden sogar einbezogen und eben die Kinder sind es, denen ich nichts sehnlicher wünsche, als eine friedliche, liebevolle Umwelt. Daher meine Frage: könnten die Herrschaften endlich die Finger stillhalten? Es ist genug, genug, genug, genug, genug, ...

quellen und mehr
jud süß auf wikipedia [*]
stefan kuzmany auf spon [*]


29 Januar 2012

buch: Amir Hassan Cheheltan / Amerikaner töten in Teheran

cover amir hassan cheheltan amerikaner toeten in teheranAmir Hassan Cheheltan / Amerikaner töten in Teheran
aus dem Persischen von Susanne Baghestani und Kurt Scharf
EAN 9783406621604 / 189 Seiten
C.H.Beck (2011) / 18,95 Euro

Sowohl die Islamische Republik Iran als auch die Vereinigten Staaten von Amerika haben ein Imageproblem. Innenpolitisch gärt es und außenpolitisch stehen ihnen weite Teile der Welt unversöhnlich gegenüber. Zeichnete man einen Kreis und wollte beide Länder auf der Kreislinie einzeichnen, so dürften sie direkt benachbart sein. Sie sind sich so ähnlich, doch schon ein Perspektivwechsel macht deutlich, wie weit sie voneinander entfernt sind. Die politische Stoßrichtung geht beiderseits gegen einen, mehr oder weniger klar definierten Feind von außen, um vom inneren Unruhepol abzulenken. Soweit die einleitenden, persönlichen Worte.

Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956, hat lange in beiden erwähnten Staaten gelebt. Heuer lebt er in Berlin, was jedoch weniger dem Zwang zum Exil, als mehr der Freiheit zur Wahl und einer durchaus unberechenbaren Situation in seiner Heimat geschuldet ist.

Amerikaner töten in Teheran ist ein Episodenroman. Die beschriebene Zeitspanne liegt zwischen 1924 und 1988 und ist damit von Traumata und Wirrnis geprägt. Die prägende Frage der miteinander verwobenen Geschichten stellt der Großneffe des 1924 zu Tode geprügelten US-Vizekonsuls Robert Imbrie: 'Wieso werden in Iran immer Amerikaner erschossen?' Amir Hassan Cheheltan mag in den sechs Episoden keine konkrete Antwort auf diese und viele andere Fragen von Protagonisten und Leser geben, jedoch ist es schon die Fragestellung, die uns zum Nachdenken, statt zum Polemisieren führt.

Am Beispiel der Familie Huschmand wird die absurde Situation vieler Iraner vor und nach der Revolution deutlich. Resa, ein unbedarfter junger Mann, wird von einer linksextremen Bewegung rekrutiert und mausert sich zum Bombenleger. Er will die imperialistische Gefahr durch die USA mit Gewalt abwenden. Seine Schwester Mina hingegen verliert sich in den Augen eines Amerikaners und stirbt konsequenterweise - bei einem Bombenanschlag einer der vielen Terrorzellen jener Zeit. Der Vater ist längst tot, so bleibt eine Mutter die spätestens dann alles, inklusive ihres Verstandes, verliert, als ihr Sohn nach der Revolution erneut abgeführt wird: er wird zum Verräter und subversiven Element.

Wir durchwandern in Cheheltans großartigem Buch auch die Querelen der 'Operation Ajax', in deren Rahmen die CIA einen Staatsstreich inszeniert hat. So entlarvende Seiten findet man selten in zeitgenössischer Literatur und nach und nach ergibts sich ein klares Bild. Amerikaner töten in Teheran gleicht einem Puzzlespiel, denn jede Episode komplettiert das Ganze und so entsteht ein facettenreiches Gesamtbild, dass eindringlich ist und begeistert.

und nun die werbung:

22 Dezember 2011

einwurf #35

logorama screenshotdas ist unser einwurf #35
heute: jahresabschluss.

Das kann es ja nicht sein. So still soll dieses Jahr nicht beschlossen werden. Stehen wir auf und schreien einfach mal lauthals los - aber bitte einsilbig. Das soll sehr hilfreich sein und es baut unwahrscheinlich viel Stress ab. Man könnte dem Schrei also eine Ventilwirkung zuschreiben. Vermutlich wird er auch überhaupt nicht gehört werden und damit niemanden stören, weil alle erkältet, komplett verschuldet, zu spät dran mit den Geschenken und dauerbesoffen vom Glühwein sind. Kollektiv wird dazu das Ausbleiben von Schnee, Eis, Glätte und Streumittelmangel so sehr verachtet, dass sowieso alle menschlichen Verfehlungen unumwunden hingenommen werden.

Der Jahresabschluss also. Lange blieben hier die Zeilen ungeschrieben, weil die Gedanken nicht ausgegoren oder der Autor zu erschöpft war. Eine gute Erschöpfung zumeist, für die dankbar zu sein, nicht schwer fällt. Unbekannterweise und allerseits Danke, an dieser Stelle. Weiteres wird internen Depeschen entnehmen zu sein. Transparenz ist eine Mode, die der gewiefte Zeitgeist heuer meidet.

Ein audiovisueller Genuss soll die geneigte Leserschaft auf den letzten Atemzügen, bis zur von Schwefelqualm geschwängerten Silvesternacht, begleiten. Es handelt sich um den kurzen Film 'Logorama', dessen Idee und Realisation auf das Konto von Francois Alaux, Hervé de Crécy und Ludovic Houplain gehen.

Exzellent zeigt dieser wunderbar gemachte Film unter anderem auch, dass es nicht nur Töne sind, die eine Rolle zu spielen haben, wenn wir uns über Lärm unterhalten. Weitaus mehr könnte dazu geschrieben werden, denn dies war die eigentliche Assoziation des Autors zwischen Video und einleitenden Worten: Zu viel des Guten, ist nicht mehr gut oder: auch Logos machen Lärm. Allerlei Phrasen und zu diesen greift man insbesondere dann, wenn man müde ist. Das darf man nach diesem Jahr auch sein und so wird ein gute Zeit gewünscht, tatsächlich darum gebeten, sich allerseits verstärkt für Frieden, Verständigung und Geschwisterlichkeit einzusetzen und einmal laut geschrieen. Auf bald!