13 April 2010

buch: Airen / I am Airen Man

cover airenAiren / I Am Airen Man
EAN 9783936738858 / 176 Seiten
Blumenbar (2010) / 17,90 Euro

Was kaum einer kann, fast alle können wollen und Airen letztlich tat

Ich sitze vor meinem Macbook und lausche der Musik von Thomas Fehlmann, der grauen Eminenz elektronischer Tanzmusik [*]. Was soll ich über Airens zweites Buch, dass vor wenigen Tagen bei Blumenbar erschienen ist, sagen? Vorerst nicht viel mehr, als dass ihr es kaufen und lesen solltet. Sein Erstling Strobo, erschienen im kleinen Berliner Verlag Sukultur, hatte für Furore gesorgt, weil ein Mädchen names Helene Hegemann daraus kopierte. Die anschließende Debatte bot alles, was der deutsche Kulturzirkus zu bieten hat - von Gender bis Maxim Biller. Jetzt hat sich Blumenbar dem zweiten Titel angenommen und ich habe ihn in den zwei Tagen, nachdem es mir postalisch aus Berlin übersendet wurde, geradezu inhaliert.

Wo Strobo endet, da setzt I Am Airen Man an. Die Ankunft in Mexico City. Noch genauer über den Köpfen von knapp neun Millionen Menschen, in einem Tower als Angestellter einer deutschen Unternehmensberatung. Sein Job taugt in diesem Buch für wenig mehr als Randnotizen, geht es doch letztlich um die wirklich wichtigen Erkundungen des Anti-Helden Airen. Er verläuft sich, staunt über den Umstand wie klein doch hier alle sind und wie nah der erneute Exzess - egal wo und wann du bist. So verschlägt es ihn schnell in Rotlichtviertel, schreckliche Nachtclubs und zweifelhafte Gesellschaft. Draufkommen und runterkommen, um wieder drauf sein zu können - ein Wechselspiel aus zwei Elementen, die einander bedingen.

Berlin ist im Kern dieses Buches weit weg, doch ihr Nachhall ist unüberhörbar. Flashbacks aus dem Berghain mischen sich mit der Hitze der mexikanischen Gegenwart - manchmal schien ein wenig Heimweh durchzuklingen, doch die neuen Ufer halten weit mehr bereit, als nur Rausch und Restrealität. In Person von Lily tritt ein Mensch in das Leben des Protagonisten, der die Wege hin zu ein wenig Normalität zu ebnen scheint. Wer jetzt erwartet, dass diese Normalität deckungsgleich mit dem ist, was Otto Normalverbraucher als solche empfindet, der kennt den vorangegangenen Wahnsinn nicht. Er sollte ihn sich von Airen erzählen lassen.

Mag der Reiz für den einen in der vermeintlichen Authentizität dieses Erfahrungsberichts liegen, so liegt er für mich insbesondere in seiner sprachlichen Brilianz. Kaum jemand kann so bildlich beschreiben, wie es Airen in diesem Buch tut. Ich habe mich in I Am Airen Man verlieren können und wollte nicht, dass er aufhört zu erzählen. Auf gleichermaßen melancholische, wie urkomische Art und Weise, ist dieses Buch die Selbstreflektion eines Mannes, dessen Maxime stets war, nicht ins Mittelmaß zu verfallen. Irgendwie kommt mir das doch sehr bekannt vor.

medientipps:

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