KÄMPFEN LERNSTE AUF DER STRASSE
Medienwerkstatt Eyeland (ger / 1991)
regie: Eva Löhr, Claudia Rhein
music: Di'Aslans, Royal Crown Crew
cast: Various
Jugendkriminalität. Ghettobildung. Kinderarmut. Integrationsdefizite, Bildungsmisere und immer wieder Gewalt. Themen die jeden Tag auf den unterschiedlichsten Wegen eingang finden in die Schlagzeilen, Randnotizen und Kommentare unserer meinungsbildenden Medien. Für manche Menschen bedeutet das Einblicke zu bekommen in eine unwirkliche Welt. Eine Welt in der es in der Bundesrepublik Deutschland keine 'echte' Armut und Ausgrenzung gibt, eine Welt in der erst die Welchbletthütte ohne fließendes Wasser das Recht begründet, sich zu beklagen. Für viele andere Menschen ist die Berichterstattung jedoch nur eine Unterfütterung dessen, was sie durchaus auch im Alltag wahrnehmen und womit sie absolut nicht einverstanden sind.
Nur eine Minderheit widmet sich dem hausgemachten 'Problem', tritt in Dialog mit jenen Menschen hinter den Schlagzeilen, die in Statistiken nur als Täter und Opfer aufgeführt werden. Statistiken bauen keine Vorurteile ab und somit widmet sich die Dokumentation 'Kämpfen lernste auf der Straße' aus dem Jahre 1991 von Eva Löhr ausschließlich den Protagonisten, des immer wieder auf- und abflauenden Medienrummels. Der knapp zwanzigminütige Film ist vor über 25 Jahren von der Medienwerkstatt Eyeland auf VHS produziert worden und ein zwingendes Zeitdokument bundesrepublikanischer Geschichte.
In Gesprächen mit den Berliner Jugendgangs Ghetto Sisters, Black Panthers, Fighters, Bright Colors, Fatback und den 36 Boys zeichnet die Medienpädagogin ein Bild das Grenzen verwischt und die Frage stellt, ob das Täter-Opfer-Denken nicht ebenso in die Mottenkiste gehört, wie die reflexive Schutzbehauptung, dass früher alles besser war. Löhr lässt junge Leute zu Wort kommen, stellt sie jedoch nicht aus, wie exotische Käfigtiere. Diese kurze Reportage ist in höchstem Maße sehenswert und ein unbedingter Beweis für die stete Anwesenheit von Niveau und Qualität in der Medienwelt. Danke Eva Löhr, danke allen Beteiligten.
und nun die werbung:
13 September 2017
film: Kämpfen lernste auf der Straße
12 September 2017
buch: Johannes Gernert / Generation Porno
Johannes Gernert / Generation Porno
Jugend, Sex, Internet
EAN 9783771644390 / 224 Seiten
Fackelträger (2010) / k.LP. Euro
Blowjob, Gangbang, Double Penetration - Jargon und Lebensart der Jugend?
Es war ein Impuls, der mich zu diesem Buch greifen ließ. Mein müder Blick streifte morgens das Cover eines dereinst im Fackelträger Verlag erschienen Sachbuchs. Darauf zu sehen ein junger Mann, verklärt bis verwegen dreinschauend, leichter Bartflaum, cooles Antlitz und dazu in fetten Lettern der Titel: 'GENERATION PORNO'. Darunter etwas kleiner 'Jugend Sex Internet'. Ich beschloss es mitzunehmen, erstmal einen starken Kaffee zu trinken und später hineinzuschauen. Schließlich vergingen Wochen bis ich bei einem ganz anderen Kaffee saß und mit einem Freund darüber nachdachte, ob wir die Jugend für 'pornofiziert' hielten. Ich erinnerte mich an das kürzlich erstandene Buch, ging heim und begann zu lesen.
Degenerieren also ganze Generationen zu gefühlskalten Onanisten und Gangbangern, weil sie viel zu früh auf Youporn, Redtube und Consorten landen? Ist Analsex noch vor dem ersten Zungenkuss okay? Stehen wir am sexuellen Abgrund? Wird alles Sodom und Gomorrha von Berlin-Neukölln bis Hamburg-Othmarschen? Einige Polit-Talks der Vergangenheit widmeten sich solchen und noch reißerischeren Fragen. Johannes Gernerts Buch ist, obwohl bereits 2010 veröffentlicht, auch gegenwärtig noch ein durchaus lesenswerter Debattenbeitrag.
Er führte zahlreiche Gespräche mit Fachleuten und 'Betroffenen', so unter anderem mit dem Theologen und Arche-Gründer Bernd Siggelkow. Ein durchaus kontroverses Treffen und besonders im Kontext mit den vielen Originaltönen spannend nachzuvollziehen. Ein paar nostalgische Gefühle kommen auf, als ich lese, wie sich der Autor bei den 2009 gehypten und heute längst abgehängten sozialen Netzwerken SchülerVZ und Jappy einloggt, um dort mitzuchatten. Gerade sieben Jahre sind seit Veröffentlichung von GENERATION PORNO vergangen und die digitale Welt hat sich rasant gewandelt. Alles noch ein bisschen schriller und transparenter.
Machen strikte Verbote, Sanktionen oder Strafen wirklich Sinn, wenn es um Pornos im Kinderzimmer oder auf dem Schulhof geht? Mitunter will man bei einigen wirklich erschreckenden Aussagen von Jugendlichen heftig mit dem Kopf nicken, aber ist das dann nicht nur eine diffuse Angst? Eine diffuse Angst davor, dass das alles vielleicht allzu menschlich ist? Nicht die Pornos, nicht die Fäkalsprache, sondern die Rohheit, die sich in ihnen ausdrückt.
Der Autor selbst bleibt um eine differenzierte Haltung bemüht, sagt von sich, dass er Pornos weder abfeiert, noch verteufelt. Vielleicht kam er gerade deshalb so gut und zwanglos in den Dialog mit so unterschiedlichen Menschen aller Altersgruppen. Sein gradliniger Stil und die klare Sprache machen das Buch besonders gut lesbar. Es gehört deshalb ganz und gar nicht nur in die Hände Erwachsener, sondern eignet sich auch als Sachbuch für jugendliche Leser. Auf der Website des Fackelträger Verlags lassen sich übrigens Unterrichtsbegleitmaterialien als PDF-Datei herunterladen.
und nun die werbung:
11 September 2017
buch: Angelo Petrella / Nazi Paradise
Angelo Petrella / Nazi Paradise
aus dem Italienischen von Bettina Müller-Renzoni
mit einem Vorwort von Thor Kunkel
EAN 9783927734432 / 180 Seiten / Taschenbuch
PULP MASTER / 12,80 Euro
Dieses Buch ist zu krass für die sogenannten Publikumsverlage, doch genau richtig für uns.
Dieser Einband fällt augenblicklich auf, wenn der geneigte Buchhändler sich denn traut, es zu präsentieren. Verantwortlich für die sehr gute Cover-Gestaltung zeichnet der Hamburger Künstler 4000. Dazu dieser Titel: Nazi Paradise - ein dünnes Büchlein, mit seinen knapp 130 Seiten, doch diese haben es zweifelsohne in sich. So manchen Kenner der Literaturszene mag es daher nicht verwundern, dass Petrellas Roman bei Pulp Master in Berlin erschienen ist. Seit 1994 ist hier Verleger Frank Nowatzki mit echter Passion am Werk. Kein anderer mir bekannter Verlag im deutschsprachigen Raum bietet seiner Leserschaft ein ähnlich dezidiertes Programm aus Crime, Pulp und Noir. Und traut sich vor allem, wie nicht nur in diesem Fall, an gewagte Geschichten heran.
Unser namenloser Protagonist ist Naziskin und als solcher Stammgast im Szenelokal Skin Front Neapel. Der harte Kern der Szene ist überschaubar. Der Rahmen der Freizeitaktivitäten ebenso: gemeinschaftliche Gewaltorgien gegen Rote und die Bourgeoisie, Besuche im Stadion San Paolo und viel, verdammt viel Alkohol. Persönlich beschäftigt sich unser Antiheld auch mit Computern. Intensiv sogar, denn er ist Hacker. Es muss kommen, wie es kommt - eines schönen Tages ertappt die Polizei ihn bei dem Versuch Gelder von fremden Kontant auf seines zu transferieren und setzt ihn fest. Schließlich wird ihm ein Deal angeboten. Friss oder stirb! Die Staatsmacht will ihn nach Capri verfrachten. Dort soll er eine Party besuchen, sich unauffällig Zugang zum Computer des Hausherren verschaffen, um Datenmaterial verschwinden zu lassen, das für Würdenträger gefährlich werden könnte. Widerwillig stimmt er zu, um es sich kurzerhand wieder anders zu überlegen - doch zu spät. Von nun an erwartet ihn eine böse Überraschung nach der anderen.
Angelo Petrellas Krimi hat es einst überraschend auf die Bestenliste der Krimi-Welt geschafft. Verdient, denn was er in diesem Dickicht aus Tabuthemen aufarbeitet ist weit mehr als Krawall-Literatur. Es ist eine bitterböse Abrechnung mit einer korrupten Gesellschaft in der viele denken, was unser Protagonist möglicherweise ausspricht. Hinzu kommt, dass er nicht das Bild eines jungen Mannes zeichnet, dem sämtliche Synapsen flöten gegangen sind. Keineswegs, denn dieser Nazi ist hochintelligent und durchaus dazu in der Lage sich gewissen Konvetionen zu beugen, wenn er denn muss. Mit einem Blick vom äußersten Rand des Gesellschaft ist dieses Buch ein Statement.
Die verbalen und praktischen Eskapaden provozieren, aber was soll das Geschreie nun? In einem Land, in dem es die brutalsten Folterszenen à la Karen Slaughter und Mo Hayder in die Köpfe von Millionen schaffen, ist dieses Werk eine literarische Fundamentalkritik mit Herz und Verstand.
und nun die werbung:
04 März 2013
buch: David Vann / Dreck
David Vann / Dreck
aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
EAN 9783518423677 / 296 Seiten
Suhrkamp (2013) / 19,95 Euro
Es dauerte zwölf Jahre bis David Vann einen Verlag für seinen Debütroman Im Schatten des Vaters fand. In dieser Zeit arbeitete er als Bootsbauer und fuhr zur See – ein furchtbar romantisches Bild das die sicherlich eher karge Realität abbildet. So empfand ich auch einige Szenen in Vanns aktuellem Roman Dreck, der eben bei Suhrkamp in deutscher Sprache erschienen ist. Die Gabe, furchtbare Geschichten in ästhetische Worte zu fassen, beschert dem Autor einen nachhaltigen Erfolg.
Auf einer recht abgeschiedenen Walnussplantage in Kalifornien lebt der zweiundzwanzigjährige Galen. Sein Vater ist ihm gänzlich unbekannt, seine Mutter dafür umso präsenter. Mit ihrer Überfürsorglichkeit treibt sie ihren Sohn zur Weißglut. In der Konsequenz will er eigentlich nur fort - dem tristen Alltag, der erbarmungslosen Hitze, all dem Schmutz und Schweiss entkommen und ein eigenes Leben beginnen. Er will das College besuchen, die Freiheit haben zu reisen, um endlich die ganze Welt erfahren zu können. Obwohl Mutter und Sohn, den Resten eines Familienvermögens sei Dank, nicht in Armut leben müssen, bleibt ihm dieser Schritt verwehrt. Statt trotzdem aufzubrechen und selbstständig den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen, bleibt Galen lieber im kühlen Schatten eines Baumes sitzen und lässt sich eiskalte Orangenlimonade und akkurat belegte Sandwiches reichen. Ein hassender Pascha und Mann-Ersatz, der fortan einem Abgrund entgegen taumelt.
Er liest Carlos Castaneda, entwickelt bei der Lektüre von Khalil Gibrans Der Prophet Hochgefühle und versinkt in den Seiten von Die Möwe Jonathan. Immer dem Transzendenten auf der Spur flüchtet sich Galen in Askese und Versuche tiefer Meditation. Nicht nur die Scheinheiligkeit der häuslichen Idylle oder die regelmäßigen Besuche bei der im Pflegeheim wohnenden Großmutter und gemeinsame Familienausflüge in die Wälder Kaliforniens empfindet er als störend, sondern auch seinen als weltliches Laster empfundenen Sexualtrieb. Galens siebzehnjährige Cousine Jennifer weiß um ihre diesbezügliche Macht über ihn, lebt sie mit teils sadistischen Übergriffen aus. Es ist diese Beziehung, die in einem traumatischen Bild gipfelt und als Auftakt einer fortwährenden Eskalation der weiteren Geschehnisse zu betrachten ist.
Die Abgründigkeit, mit der David Vann in Dreck spielt, ist beeindruckend und beklemmend zugleich. Sein von nahezu eindeutig paranoiden Gedanken getriebener Protagonist wähnt sich auf dem Pfad der Erleuchtung, verstrickt sich dabei jedoch in einen archaischen Wettstreit.
Dass es sich trotz oder gerade deshalb auch um einen vorzüglichen Unterhaltungsroman handelt, zeigt die Skurrilität der Geschichte, die uns Leser anfänglich immer wieder auflachen lässt. Sie gipfelt in einer Nachtmeerfahrt in die Tiefen der menschlichen Seele. Sicherlich ist diese Charakterstudie, die uns vom unterdrückten Trieb zur Psychose und vom ödipalen Komplex zu einer Art Vatermord führt, auch eine unterschwellige Kritik an einem gegenwärtig aufkeimenden Zeitgeist. Mit einer erstaunlichen Naivität werden heute wieder universelle Heilsversprechungen angenommen und zum Vehikel auf einer Flucht vor Welt und Wirklichkeit. Das hieraus Destruktivität und eine neue Form der Unfreiheit entstehen können, zeigt Dreck auf schonungslose Art und Weise. Es ist letztlich Galens Mutter, die die Oberflächlichkeit seines Denkens entlarvt, in dem sie ihm an den Kopf wirft nicht einmal William Blake, geschweige denn dessen Werk, zu kennen. Dies geschieht zu spät, auf verbrannter Erde, als sie kein Gehör mehr finden kann und es längst keine Zukunft mehr gibt. Die Untiefen, in denen beispielsweise aus der Mutter eine Abart von Schrödingers Katze wird, müssen erst erlesen werden. Passiert dies, so werden der Leserschaft die erlebten knapp 300 Seiten in bester Erinnerung bleiben.
und nun die werbung: