das ist unser einwurf #12
heute: auch bei sonnenschein.
Vor wenigen Minuten wurde Christian Wulff (CDU) im dritten Wahlgang von der Bundesversammlung zum neuen Staatsoberhaupt gewählt. Na dann, herzlichen Glückwusch zu diesem zehnten Bundespräsidenten. Vielleicht wird mit ihm ein neuer Wind durch das Schloss Bellevue wehen, vielleicht wird Deutschland im Juli sogar Fussballweltmeister und vielleicht fällt in China gleich ein Sack Reis um.
einwurf #12 widmet sich weitaus wichtigeren Angelegenheiten.
Teile des Hamburger Stadtteils Neuwiedenthal wurden heute, als Reaktion auf die vorausgegangenen Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Polizei, offiziell zum Gefahrengebiet erklärt. Ein inzwischen mehrfach auf youtube.com hochgeladenes Video dokumentiert [*] den Auslöser der Gewaltwelle. Es wird gefragt, wie die mediale Berichterstattung ausgesehen hätte, wenn diese Aufnahmen nie veröffentlicht worden wären und desweiteren, ob Videokommentare tatsächlich ein Spiegelbild der deutschen Gesellschaft darstellen.
Über das Buch des Tätowierkünstlers Nicolai Lilin wurde an dieser Stelle schon geschrieben. Ergänzend soll ein kurzes Video [*] dazu dienen, sich vom Schriftsteller ein Bild zu machen. Es wird gefragt, ob dir dein soziales Umfeld stets vorschreibt, wie weit und wohin du zu gehen hast oder ob es die Restgesellschaft ist, die dir versucht zu diktieren, wer du zu sein hast.
Das Spielfilmdebüt der russischen Regisseurin Valeria Gai Germanika 'Everybody dies but me' wurde bereits 2008 beim Filmfest München ausgezeichnet und in Cannes fand es immerhin lobende Erwähnung. Es wird gefragt, ob wir den Film [*] zeitnah noch in die Hände bekommen.
Kritische Töne sind stets von Nöten; auch bei Sonnenschein.
Mit einer großartigen Szene der Filmgeschichte wird geschlossen und allseits ein aufgeweckter Start in den Sommermonat Juli gewünscht.
30 Juni 2010
einwurf #12
28 Juni 2010
buch: Fotos für die Pressefreiheit 2010
Fotos für die Pressefreiheit 2010
Hrsg. Reporter ohne Grenzen
EAN 9783937683294 / 104 Seiten
TAZ Verlags (2010) / 12,00 Euro
... und traust Du stets Deinen Augen?
Mit Barbara Petersen ist die Reihe 'Fotos für die Pressefreiheit' groß geworden und mit Barbara Stauss erlebt sie in diesem Jahr einen Relaunch. Sowohl Layout, als auch Konzept wurden überarbeitet, damit die Leser noch viel weniger in der Lage sind, diesen Band aus der Hand zu legen. Im ersten Teil geht es vordergründig um Zahlen und Fakten. Eine Weltkarte zeigt anschaulich das globale Ranking der Pressefreiheit. Die skandinavischen Spitzenreiter und die Schlusslichter Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea. Kurze Einblicke in eine Auswahl dieser Staaten bieten die folgenden Seiten, darauf geht es dann gleich in den zweiten Teil.
Längere Fotostrecken, Reportagen, Berichte und ausführliche Interviews mit dem Fokus auf jene Staaten, in denen 2009 das Recht auf freie Information besonders eingeschränkt war und in denen die Verfolgung, Verhaftung und Bedrohung von Journalistinnen und Journalisten zum täglich Brot gehört.
USA, Italien, El Salvador, Israel, Mexiko, Afghanistan, Russland, Palästinensische Gebiete, Somalia, China, Iran, Nordkorea und Eritrea - diese Reise machen wir im Laufe dieses Bandes. Da ist Alixandria Fazzina (London), die als Fotografin Zeugin des Leidens von Flüchtlingen wird, die unter unwürdigsten Bedingungen versuchen ihrer Heimat Somalia zu entrinnen. Am Beispiel der neunzehnjährigen Salima, die Mann und Kind bei einem Raketenangriff von Regierungstruppen in Mogadischu verlor, erfahren wir, was es bedeuten kann, nicht in unserem protegierten Umfeld leben zu dürfen. Salima ist eine von 120 - nur elf werden es schaffen einen traurigen Traum zu realisieren. Ohne die Arbeit von Fazzina und vielen anderen mutigen Menschen würden wir nie erfahren, was in dieser Welt geschieht.
Auf die drängende Frage, wie es denn sein könne, dass jemand all dies dokumentieren könne antwortet Alxiandria Fazzina: 'Ich habe ihrem Anführer einfach gesagt: "Ihr traut mir nicht, ich traue euch nicht." Und das fanden die irgendwie gut.' Weitere atemberaubende Reportagen, unter anderem von Mathieu von Rohr und Mikhail Galustov, garantieren das diese Reihe weiter den höchsten Ansprüchen gerecht wird. Ich werde noch oft durch dieses Buch blättern und ein Jahr Revue passieren lassen, in dem an viel zu vielen Orten die Freiheit zur Geisel von Macht und Gier geworden ist.
Die Reporter ohne Grenzen [*] setzen sich seit 1985 für weltweit für das Recht auf freie Informationen ein. Mit dem Kauf dieses Bandes finanziert ihr medizinische Hilfe, Anwaltskosten und Öffentlichkeitsarbeit für verfolgte Journalistinnen und Journalisten. Also entweder gleich hier konsumieren oder im Buchladen eures Vertrauens.
und nun die werbung:
26 Juni 2010
film: 5xAbschied - 5Goodbyes
5xAbschied - 5Goodbyes
ROCKET SHEEP BOOM (ger / 2010)
regie: Anil Jacob Kunnel
production: Anil Jacob Kunnel, Rike van Bremen, Elisabeth Weydt, Britta Strampe, Rebecca Werdehausen
cast: Kimia Samar, Armin Käthner, ...
Sie sind keine Filmhochschulbesucher und es gab kein großes Budget. Die bis jetzt erschienen vier Kurzfilme der Reihe '5xAbschied' dürften trotzdem zu den interessantesten Produktionen der letzten Monate gehören. 'Schimmer', 'Heimkehr', 'Wände' und 'Taucher' sind bis jetzt auf vimeo.com zu begutachten. Auf 'Äon', den fünften, letzten und mit Sci-Fi Elementen aufwartenden Teil, wird noch geduldig gewartet.
Die Erkenntnis, dass die BILD - Zeitung mit ihrer Theorie, dass lange Texte sowieso keiner liest und da ich selbst kein Abonnement der Zeit bin, habe ich mich entschlossen keine weiteren Worte zu verlieren (zu verschwenden, zu vergeuden, zu verschenken, wobei ich doch so gerne schenke).
Ich überlasse euch zweiundsiebzig schönen Minuten mit vier sehenswerten Kurzfilmen. Zum Album gehts über den Stern [*] und den ersten Teil gleich nach dem letzten Wortgeschenk.
21 Juni 2010
szene: Sergey Bratkov - Heldenzeiten
Sergey Bratkov
HELDENZEITEN
zeitraum: 18.06.2010 - 29.08.2010
location: haus der photographie,
deichtorstraße 1-2, 20095 hamburg
details: deichtorhallen.de
Die Passion des Schreibers für die russische Seele und insbesondere ihren Ausdruck in der Kunst soll kein Geheimnis sein. Nicolai Lilin bezeichnete in seinem phänomenalen Roman 'Sibirische Erziehung' [*] die russische Tätowierkunst, als eine stumme Sprache. Bilder sprechen zu ihren Betrachtern. Neben den fotografischen Arbeiten von Boris Mikhailov [*] sollte man einen genauen Blick auf Sergey Bratkovs Werk werfen. In Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur widmet ihm das Haus der Photographie in Hamburg zur Zeit eine Werkschau. Knapp 130 Bilder umfassend, vermittelt die Ausstellung einen guten Eindruck von dem, was wir als postsowjetische Realität bezeichnen können.
Die Motive des 1960 im ukrainischen Kharkov geborenen Fotografen sind ausnahmslos von sozialkritischen Essenzen durchzogen. Seit den ersten Ausstellungen 1987 in seiner Heimatstadt, sowie Cheb und Tel Aviv hat er sich international etabliert. Besonders prägend muss die Zusammenarbeit mit Boris Mikhailov gewesen sein, denn ebenso wie er kennt Bratkov bei seinen Porträts keine Tabus. Sie sind eine schonungslose Dokumentation der russischen Realität seit 1990. Protagonisten des Alltags werden in einer außerordentlich sehenswerten Ausstellung zu (Anti)Helden. Aufnahmen von klebstoffabhängigen Straßenkindern, ehemaligen Seeleuten und Sekräterinnen in eindeutigen Posen stellen unser Empfinden von Ästhetik oft auf die Probe, doch erlauben sie auch einen unverstellten Blick auf das was wirklich ist. Sozialer Realismus, bei dem jedoch das poetische Grundrauschen nicht zu verleugnen ist.
und nun die werbung: