28 April 2010

buch: Stefan Boskamp / Territorium

cover boskampStefan Boskamp / Territorium
Fünf Geschichten - Tragbare Texte #1
EAN 9783980878883 / 112 Seiten
Minimal Trash Art (2009) / 8,90 Euro

Seine Protagonisten sind hungrig nach Nähe. Ich bin hungrig nach Boskamps Prosa.

Vor ein paar Wochen erhielt ich eine äußerst charmante Mail. Da seien zwei für mich vielleicht sehr interessante Bücher erschienen. Recht hatte die junge Dame des Hamburger Verlags Minimal Trash Art - eines davon möchte ich der geneigten Leserschaft besonders ans Herz legen.

Der Schriftsteller Stefan Boskamp hat mit Territorium ein leider viel zu unbeachtetes Debüt hingelegt. Im Zentrum seiner fünf Geschichten stehen zwei uns in ihrer Ganzheit für immer unbekannte Größen - die Liebe und der Tod. Zweifellos mag mancher Leser jetzt aufseufzen. Nicht schon wieder das große Drama komprimiert zwischen zwei Buchdeckeln. Nicht schon wieder ein Gejammer auf höchstem Niveau, wie es in der Literatur allgegenwärtig zu sein scheint. Weit gefehlt, denn Boskamp - der wenn er nicht schreibt, in Hamburg als Neurologe tätig ist - verführt uns trotz des harten Tobaks zum Schmunzeln.

Der Kern des kleinen Buches ist die Geschichte 'Die sanften Geräusche der Gorillas'. Sie behandelt die unheilbare Krankheit eines Mannes, seine Sehnsucht nach Liebe und die ihn beherrschenden Ängste. Er flieht in seine Träume, streift als Gorilla durch das saftige Grün eines Dschungels. Bis sein scheinbar so tristes Leben eine wundervolle Wendung nimmt.

Mag klingen, als wäre sowas schonmal dagewesen sein, aber die Einfühlsamkeit mit der Stefan Boskamp all seine Protagonisten und ihre Lebenssituationen umschreibt ist atemberaubend. Noch lange nachdem ich auf einer Fahrt von Berlin nach Hamburg in diesem Buch gelesen habe, sind mir die Gorillas nicht aus dem Kopf gegangen. Sehe ich einen handgeschriebenen Zettel in einem Linienbus liegen, dann muss ich sofort an die Geschichte des briefeschreibenden Berufskillers denken und überhaupt hoffe ich, dass dieses Buch nicht seine letzte Veröffentlichung gewesen sein wird.

Erwähnenswert ist letztlich noch, dass Territorium in der recht neuen Buchreihe 'Tragbare Texte' des Hamburger Independentverlags Minimal Trash Art erschienen ist. Optimal für den literarischen Konsum zwischendurch. Letztlich möchte ich den Verlag selbst zitieren: 'Ja, das Coverpapier ist genau das Papier, das sie für Sixpacks nehmen, nur halt die andere Seite.) Die andere Seite ist immer interessanter!' Besser kann man es wohl kaum sagen. Also ... klicken und kaufen!


medientipps:

13 April 2010

buch: Airen / I am Airen Man

cover airenAiren / I Am Airen Man
EAN 9783936738858 / 176 Seiten
Blumenbar (2010) / 17,90 Euro

Was kaum einer kann, fast alle können wollen und Airen letztlich tat

Ich sitze vor meinem Macbook und lausche der Musik von Thomas Fehlmann, der grauen Eminenz elektronischer Tanzmusik [*]. Was soll ich über Airens zweites Buch, dass vor wenigen Tagen bei Blumenbar erschienen ist, sagen? Vorerst nicht viel mehr, als dass ihr es kaufen und lesen solltet. Sein Erstling Strobo, erschienen im kleinen Berliner Verlag Sukultur, hatte für Furore gesorgt, weil ein Mädchen names Helene Hegemann daraus kopierte. Die anschließende Debatte bot alles, was der deutsche Kulturzirkus zu bieten hat - von Gender bis Maxim Biller. Jetzt hat sich Blumenbar dem zweiten Titel angenommen und ich habe ihn in den zwei Tagen, nachdem es mir postalisch aus Berlin übersendet wurde, geradezu inhaliert.

Wo Strobo endet, da setzt I Am Airen Man an. Die Ankunft in Mexico City. Noch genauer über den Köpfen von knapp neun Millionen Menschen, in einem Tower als Angestellter einer deutschen Unternehmensberatung. Sein Job taugt in diesem Buch für wenig mehr als Randnotizen, geht es doch letztlich um die wirklich wichtigen Erkundungen des Anti-Helden Airen. Er verläuft sich, staunt über den Umstand wie klein doch hier alle sind und wie nah der erneute Exzess - egal wo und wann du bist. So verschlägt es ihn schnell in Rotlichtviertel, schreckliche Nachtclubs und zweifelhafte Gesellschaft. Draufkommen und runterkommen, um wieder drauf sein zu können - ein Wechselspiel aus zwei Elementen, die einander bedingen.

Berlin ist im Kern dieses Buches weit weg, doch ihr Nachhall ist unüberhörbar. Flashbacks aus dem Berghain mischen sich mit der Hitze der mexikanischen Gegenwart - manchmal schien ein wenig Heimweh durchzuklingen, doch die neuen Ufer halten weit mehr bereit, als nur Rausch und Restrealität. In Person von Lily tritt ein Mensch in das Leben des Protagonisten, der die Wege hin zu ein wenig Normalität zu ebnen scheint. Wer jetzt erwartet, dass diese Normalität deckungsgleich mit dem ist, was Otto Normalverbraucher als solche empfindet, der kennt den vorangegangenen Wahnsinn nicht. Er sollte ihn sich von Airen erzählen lassen.

Mag der Reiz für den einen in der vermeintlichen Authentizität dieses Erfahrungsberichts liegen, so liegt er für mich insbesondere in seiner sprachlichen Brilianz. Kaum jemand kann so bildlich beschreiben, wie es Airen in diesem Buch tut. Ich habe mich in I Am Airen Man verlieren können und wollte nicht, dass er aufhört zu erzählen. Auf gleichermaßen melancholische, wie urkomische Art und Weise, ist dieses Buch die Selbstreflektion eines Mannes, dessen Maxime stets war, nicht ins Mittelmaß zu verfallen. Irgendwie kommt mir das doch sehr bekannt vor.

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02 April 2010

buch: Gerald Hörhan / Investment Punk

cover hoerhanGerald Hörhan / Investment Punk
Warum ihr schuftet, aber wir reich werden
EAN 9783990010082 / 208 Seiten
edition a (2010) / 19,50 Euro

Wer reich sein will, muss bereit sein, ein Punk zu sein.

Es kann passieren, dass dir der 34jährige Gerald Hörhan bei einem dieser Punkrock-Festivals begegnet, bei denen man in Matsch versinkt und literweise Bier fliesst. Mit Sicherheit würdest du dann nicht erwarten, dass er Eigentümer und Vorstand eines international erfolgreichen Corporate Finance Unternehmens ist. Gerald B. Hörhan ist ein Investment Banker. Er hat bereits bei McKinsey & Co in Frankfurt und an der Wallstreet für JP Morgan gearbeitet - auch diese Melange macht ihn zu dem, was er als Investment Punk bezeichnet.

Kürzlich ist im Wiener Verlag edition a [*] sein erstes Buch erschienen. Schon optisch tanzt dieser Einband unter all den Neuerscheinungen im Frühjahr angenehm aus der Reihe. Es fällt auf, es reizt und schon nach den ersten Seiten wurde jede Erwartung bestätigt.

Auf der Piazza schimpft das Prekariat über die Verwertungsgesellschaft und am Stammtisch sieht man die fondgestützte, private Altersvorsorge den Bach runtergehen. Schuldig sind stets der Kapitalismus und dessen Paladin - der Investment Banker. Solchen Schuldzusprüchen kann Gerald Hörhan wenig bis keine Substanz abgewinnen und gleich zu Beginn des Buches erklärt er ausführlich, wieso dem so ist. Es mag erschreckend klingen, aber seine Thesen leuchten stets ein und das zuzugeben bedeutet keineswegs, mit den Ungerechtigkeiten eines Systems einverstanden zu sein.

Gleichermaßen ist dieses Buch auch ein Abgesang auf den Mittelstand, dessen Dekonstruktion überwiegend selbstverschuldet ist. So mancher Leser darf sich empfindlich berührt fühlen, denn Hörhan ist schonungslos. Es ist nichts anderes als ein Leben im Hamsterrad, dass viele von uns führen. Einem vermeintlich sicheren Job als Angestellter folgt ungezügelter Konsum. Das Haus in der Peripherie, die Designer - Einbauküche und der Neuwagen - alles auf Pump, alles finanziert. Das dies alles nichts mit Investition, aber sehr wohl mit Schuldendienst zu tun hat und wie es möglich ist, einen alternativen Weg einzuschlagen wird in Investment Punk auf unterhaltsame und kurzweilige Art erörtert. Für mich ist dieses Buch schon jetzt, dass Sachbuch 2010 überhaupt.

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